Das Wunder der heiligen Scholastika
Petrus, gibt es jemanden in diesem Leben, der höher steht als Paulus?
Dreimal hat er wegen des Stachels in seinem Fleisch den Herrn gebeten
und konnte doch nicht erhalten, was er wünschte.
Deshalb muss ich dir von dem ehrwürdigen Vater Benedikt erzählen, dass
auch er etwas wollte, was er nicht erreichen konnte.
Seine Schwester Scholastika war von
Kindheit an dem allmächtigen Gott geweiht. Sie war gewohnt, ihren Bruder
einmal im Jahr zu besuchen. Der Mann Gottes ging jedes Mal zu ihr hinunter
zu einem Gut des Klosters, das nicht weit entfernt lag.
Eines Tages kam sie wie üblich, und ihr
ehrwürdiger Bruder stieg mit einigen Jüngern zu ihr hinab. Sie verbrachten
den ganzen Tag im Lob Gottes und im geistlichen Gespräch. Bei Einbruch der
Dunkelheit hielten sie miteinander Mahl.
Während sie noch am Tisch saßen und ihr
geistliches Gespräch fortsetzten, wurde es spät. Da flehte die
gottgeweihte Frau, seine Schwester, ihn an: »Ich bitte dich, lass mich
diese Nacht nicht allein, damit wir noch bis zum Morgen von den Freuden
des himmlischen Lebens sprechen können.« Er antwortete ihr: »Was sagst du
da, Schwester? Ich kann auf keinen Fall außerhalb des Klosters bleiben.«
Es war so heiteres Wetter, das sich
keine Wolke am Himmel zeigte. Sobald aber die gottgeweihte Frau die
Weigerung ihres Bruders hörte, fügte sie die Finger
ineinander, legte ihre Hände auf den Tisch und ließ ihr Haupt auf die
Hände sinken, um den allmächtigen Gott anzuflehen. Als sie dann das Haupt
vom Tisch erhob, blitzte und donnerte es so stark, und ein so gewaltiger
Wolkenbruch ging nieder, dass weder der heilige Benedikt noch die Brüder
in seiner Begleitung einen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen
konnten, in dem sie beisammen waren. Die gottgeweihte Frau hatte nämlich
ihr Haupt auf die Hände gesenkt und Ströme von Tränen auf den Tisch
vergossen. Dadurch erreichte sie, dass es aus heiterem Himmel zu regnen
begann. Diese Regenflut folgte nicht erst nach dem Gebet, sondern Gebet
und Regen trafen so zusammen, dass es schon donnerte, als sie das Haupt
vom Tisch erhob. Im gleichen Augenblick erhob sie das Haupt, und der Regen
strömte nieder.
Der Mann Gottes sah nun ein, dass er bei
Blitz, Donner und dem gewaltigen Wolkenbruch nicht zum Kloster
zurückkehren konnte. Da wurde er traurig und klagte: »Der allmächtige Gott
vergebe dir, Schwester! Was hast du da getan?« Sie erwiderte ihm: »Sich,
ich habe dich gebeten, und du hast mich nicht erhört; da habe ich meinen
Herrn gebeten, und er hat mich erhört. Geh nur, wenn du kannst. Verlass
mich und kehre zum Kloster zurück!«
Da er das Haus nicht verlassen konnte,
blieb er gegen seinen Willen, nachdem er freiwillig nicht hatte bleiben
wollen. So konnten sie die ganze Nacht durchwachen, in heiligen Gesprächen
ihre Erfahrungen über das geistliche Leben austauschen und sich
gegenseitig stärken.
Deshalb habe ich gesagt, er habe etwas
gewollt und es doch nicht vermocht. Wenn wir auf die Vorstellungen des
heiligen Mannes schauen, so besteht kein Zweifel, dass er gewünscht hat,
das heitere Wetter möge so bleiben, wie es bei seinem Kommen gewesen war.
Ganz gegen seinen Willen stand er vor einem Wunder, das die Kraft des
allmächtigen Gottes nach dem Herzenswunsch einer Frau gewirkt hatte. Es
ist nicht zu verwundern, dass die Frau, die ihren Bruder länger zu sehen
wünschte, in diesem Augenblick mehr vermochte als jener.
Nach einem Wort des Johannes ist Gott
die Liebe; So ist es ganz richtig: jene vermochte mehr,
weil sie mehr liebte.