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Enzyklika
Sacerdotii
nostri primordia
unseres Heiligen Vaters
Johannes XXIII.
An die
ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe,
Bischöfe und die anderen Oberhirten,
die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle
leben,
anlässlich des 100.
Jahrestages des Heimganges des heiligen Pfarrer von Ars
Der Heilige Pfarrer von Ars, Vorbild der Priester
1. August
1959 (1)
Einleitung
Wiederholtes denkwürdiges
Zusammentreffen
Eindruck der Seligsprechung des
Pfarrers von Ars auf den Neupriester Angelo Roncalli
1
Die Frühzeit Unseres Priestertums weckt in Uns außer der
Erinnerung an gnadenreiche Freudentage das Andenken an ein
Ereignis, das Uns zutiefst ergriffen hat: die Feierlichkeiten
vom 8. Januar 1905 in der majestätischen Peterskirche anlässlich
der Seligsprechung des schlichten französischen Priesters
Johannes Maria Vianney. Damals, nur wenige Monate nach der
Priesterweihe, waren Wir hingerissen von dem großartigen Vorbild
priesterlicher Tugenden, das Unser hochverehrter Vorgänger, der
heilige Pius X., vormals Pfarrer von Salzano, mit inniger Freude
allen Seelsorgern zur Nachahmung vor Augen stellte. Wenn Wir
heute, nach so langer Zeit, daran zurückdenken, erfüllt Uns
immer noch tiefe Dankbarkeit gegen Gott, der Uns durch diesen
besonderen Gunsterweis gleich zu Beginn Unseres Priesterlebens
mit einem so starken übernatürlichen Ansporn zur Tugend begnadet
hat.
Seine erste Wallfahrt nach Ars
2
Mit Freuden erinnern Wir Uns auch, dass eben an jenem Tage der
Seligsprechung Uns die Nachricht erreichte, Mgr. Jakob Maria
Radini-Tedeschi sei zur Bischofswürde erhoben worden. Jener
große Oberhirte, der Uns wenige Tage darauf in seine Dienste
berief, war für Uns ein hochverehrter Lehrmeister und
väterlicher Freund. In seiner Begleitung pilgerten Wir zu Beginn
jenes Jahres 1905 zum erstenmal nach Ars, das durch seinen
heiligen Pfarrer so berühmt geworden ist.
Seine Bischofsweihe im Jahre der
Heiligsprechung
3
Wir erblicken ferner einen besonderen Ratschluss der göttlichen
Vorsehung darin, dass Wir gerade im Jahre 1925 zum Bischof
geweiht wurden, als Papst Pius XI. am 31. Mai dem schlichten
Pfarrer von Ars durch die Heiligsprechung die Ehre der Altäre
zuerkannte. In seiner Homilie schilderte damals der Papst „die
schmächtige Gestalt des heiligen Johannes M. Vianney, dessen
Haupt von langen weißen Haaren wie von einer leuchtenden Krone
umgeben war; sein vom Fasten abgehärmtes Antlitz strahlte so
sehr die Unschuld und Heiligkeit einer demütigen und gütigen
Seele aus, dass unzählige Menschen beim ersten Anblick sich
innerlich verwandelt fühlten“ (2). Kurz darauf, im Jahre seines
fünfzigsten Priesterjubiläums, bestimmte derselbe Papst, um das
geistliche Wohl aller Pfarrseelsorger der ganzen Welt zu
fördern» (3), den heiligen Johannes Maria Vianney zu deren
Patron im Himmel, nachdem schon früher der heilige Pius X. die
Priester Frankreichs seiner Schutz anvertraut hatte.
Der 100. Todestag des Heiligen im 1.
Pontifikatsjahr
4
Wir erachten es als zeitgemäß, ehrwürdige Brüder, dieser
Amtshandlungen Unserer Vorgänger, an die sich so denkwürdige
persönliche Erinnerungen knüpfen, durch dieses Rundschreiben
gerade jetzt zu gedenken, da der hundertste Todestag des
heiligen Pfarrers von Ars bevorsteht. Ganz gebrochen durch seine
vierzigjährige, unermüdliche Arbeit im Dienst der Seelen,
allgemein wie ein Heiliger verehrt, starb dieser Mann Gottes am
4. August 1859 eines seligen Todes.
5
Dank sei dem gütigen Gott gesagt, der schon zweimal bedeutsame
Stunden Unseres Priesterlebens in den strahlenden Glanz dieses
Heiligen gestellt hat und nun anlässlich dieses Jubiläums Uns
die Gelegenheit gibt, zu Beginn Unseres Pontifikates eines so
hervorragenden Seelsorgers feierlich zu gedenken. Ehrwürdige
Brüder, ihr werdet wohl begreifen, dass Unsere Sorgen und
Gedanken in diesem Rundschreiben vor allem Unseren geliebten
Söhnen, den Priestern, gelten. Wir möchten sie alle insgesamt,
besonders aber die Pfarrseelsorger inständig einladen, dem
wunderbaren Beispiel dieses heiligen Mannes, der einst ihr
Mitbruder im Priesterstande war und jetzt ihr Schutzpatron im
Himmel ist, ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken.
Gegenstand des Rundschreibens: das
katholische Priestertum
Verlautbarungen früherer Päpste
6
Es gibt zwar schon mehrere Verlautbarungen der Päpste über die
Erhabenheit der priesterlichen Standespflichten samt
zuverlässigen Weisungen zur würdigen Erfüllung derselben. Wir
wollen hier nur die neueren erwähnen, welche die übrigen an
Bedeutung übertreffen. Mit besonderem Nachdruck möchten Wir euch
hinweisen auf das Apostolische Mahnwort Haerent animo des hl.
Pius X., (4) das Uns als Neupriester ein mächtiger Ansporn war
zur Vertiefung des geistlichen Lebens; ferner auf das
bemerkenswerte Rundschreiben Ad catholici sacerdotii von Pius
XI. (5) und schließlich auf die Apostolische Ermahnung Menti
nostrae (6) von Pius XII., sowie die drei Ansprachen, in denen
er aus Anlass der Heiligsprechung Pius' X. Sendung und
Wesenszüge des Priesterstandes meisterhaft umschrieben hat (7).
Diese Dokumente sind euch, ehrwürdige Brüder, ohne Zweifel
bekannt. Gestattet jedoch, dass Wir aus der letzten Rede Unseres
Vorgängers, die zu halten der Tod ihn verhinderte, einige
ausgewählte Stellen anführen, die sozusagen den feierlichen,
endgültigen Mahnruf dieses großen Papstes zu priesterlicher
Vollkommenheit enthalten: „Mit dem Weihecharakter besiegelt Gott
den ewigen Liebesbund, durch den er seine Priester vor allen
Menschen auszeichnet. Sie müssen daher diese bevorzugende Liebe
Gottes durch ein heiligmäßiges Leben vergelten ... Der Kleriker
ist als ein Mann zu betrachten, der aus dem Volk ausgesondert,
in einzigartiger Weise mit höheren Aufgaben betraut und einer
göttlichen Macht teilhaftig ist; mit einem Wort: er ist ein
zweiter Christus... Er darf nicht mehr für sich selber leben und
ebenso wenig ist es ihm gestattet, seiner Familie, seinen
Freunden, und seinem Vaterland allein zu gehören... Er muss von
Liebe zu allen beseelt sein. Sogar sein Denken, Wollen und
Fühlen gehört nicht mehr ihm selber, sondern Jesus Christus, der
sein Leben ist.» (8)
Pastoraler Zweck dieses
Hirtenschreibens
7
Auf dem steilen Pfad zu diesem Hochziel priesterlicher
Lebensgestaltung geht der heilige Johannes Maria Vianney uns
allen wegweisend und bahnbrechend voran. Uns ist es ein
Herzensanliegen, mit diesem neuen Mahnwort vor allem die
Priester von heute dazu aufzurufen. Wir kennen durchaus ihre
Sorgen und Schwierigkeiten; Wir wissen, welche Hindernisse heute
dem Wirken des Seelsorgers im Wege stehen. Wenn es Uns schmerzt,
dass einige Priester sich im Taumel der Zeit dahintreiben lassen
und vor Erschöpfung ermatten, so wissen Wir doch aus Erfahrung,
dass die überwiegende Mehrzahl der anderen eine
unerschütterliche Treue und einen beseelten Eifer an den Tag
legen, die sie nicht selten zu den hochherzigsten Leistungen
befähigen. An die einen wie an die anderen wandte sich Christus
der Herr am Tag ihrer Priesterweihe mit den liebevollen Worten:
„Ich nenne euch nicht mehr Diener, sondern Freunde.“ (9) Möge
das vorliegende Rundschreiben dem gesamten Klerus zur Stärkung
und Vertiefung dieser Freundschaft mit Christus behilflich sein!
Sie ist ja Hauptquell der Freude und des Erfolges im Wirken
eines jeden Priesters.
8
Ehrwürdige Brüder, es ist nicht Unsere Absicht, die einzelnen
Probleme des heutigen Priesterlebens zu behandeln. Gemäß dem
Beispiel des heiligen Pius X. „werden Wir nichts sagen, was für
alle außergewöhnlich oder für jemanden neu wäre, sondern
lediglich Dinge, die ein jeder beherzigen muss“ (10). Betrachtet
man nämlich die Wesenszüge dieses Heiligen im richtigen Licht,
so regen sie ohne weiteres zu Überlegungen an, die jederzeit
gültig, heute aber von besonderer Bedeutung sind. Daher erachten
Wir es als dringliche Pflicht Unseres obersten Hirtenamtes, aus
Anlass dieser Jahrhundertfeier inständig dazu aufzumuntern.
9
Die katholische Kirche hat diesen „ob seines Seeleneifers und
seines beharrlichen Gebets- und Bußgeistes bewundernswerten“
(11) Priester zur Ehre der Altäre erhoben. Heute, hundert Jahre
nach seinem Heimgang, empfiehlt sie ihn mit mütterlicher Freude
dem gesamten Klerus zur Nachahmung, und zwar als ein leuchtendes
Vorbild priesterlicher Aszese und Frömmigkeit, zumal der
eucharistischen, wie auch des priesterlichen Seeleneifers.
Die priesterliche Aszese
Bedeutung des Bußgeistes im
Priesterleben
10
Man kann nicht vom heiligen Johannes Maria Vianney sprechen,
ohne unwillkürlich an einen Priester zu denken, der sich einzig
aus Liebe zu Gott und zum Seelenheil seiner Mitmenschen ganz
ungewöhnliche körperliche Abtötungen auferlegte. Er enthielt
sich fast vollständig der Nahrung und des Schlafes, verrichtete
die härtesten Bußwerke und übte vor allem eine heroische
Selbstverleugnung. Gewiss, nicht alle Gläubigen sind zu einer
solchen Lebensweise verpflichtet. Aber die Vorsehung Gottes
sorgt dafür, dass es in der Kirche zu allen Zeiten Seelsorger
gibt, die unter dem Antrieb des Heiligen Geistes ohne Zögern
diesen Weg einschlagen. Ist doch ein solches Leben ein
vorzügliches Mittel, um viele Menschen aus den Verstrickungen
des Irrtums und der Sünde auf den Pfad der Wahrheit und des
Heils zurückzuführen.
11
Der heilige Johannes M. Vianney, der „hart gegen sich selber und
mild gegen andere“ (12) war, zeichnete sich in hohem Maße aus
durch eine bewunderungswürdige Bereitschaft zur Ganzhingabe.
Dadurch gemahnt er uns in äußerst willkommener und
eindringlicher Weise an die erstrangige Bedeutung, die im
standesgemäßen Vollkommenheitsstreben des Priesters dem Geist
der Buße zukommt.
Die evangelischen Räte und die
priesterliche Vollkommenheit
Unterschied zwischen Priesterstand und
Ordensstand
Um diese
Lehre ins rechte Licht zu rücken und sie gegen gewisse falsche
Bedenken in Schutz zu nehmen, hat Unser Vorgänger Pius XII. zwar
die Behauptung widerlegt, wonach „der geistliche Stand als
solcher und eben weil er im göttlichen Recht verankert ist, auf
Grund seiner Natur oder wenigstens auf Grund eines gewissen
Postulates dieser Natur von seinen Mitgliedern die Befolgung der
evangelischen Räte verlange“ (13).
12
Abschließend entscheidet er mit vollem Recht: „Der Kleriker ist
also nicht durch das göttliche Recht an die evangelischen Räte
der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams gebunden.“ (14) Und
doch wäre es ohne Zweifel eine Entstellung der wahren Meinung
dieses Papstes, dem die Heiligung des Klerus so sehr am Herzen
lag, und ein Widerspruch zur einhelligen Überlieferung des
kirchlichen Lehramtes zu diesem Punkt, wenn man daraus zu
folgern wagte, dass die Weltgeistlichen weniger streng
verpflichtet seien als die Ordensleute, ein vollkommenes Leben
im Sinne des Evangeliums anzustreben. Die Sache verhält sich
vielmehr ganz anders.
Der sicherste Weg zum Hochziel der
Vollkommenheit
Zur
würdigen Verwaltung der priesterlichen Ämter „ist eine größere
innere Heiligkeit notwendig, als selbst der Ordensstand sie
fordert“ (15). Wenn zwar die evangelischen Räte den Priestern
nicht schon kraft des geistlichen Standes vorgeschrieben sind,
um die Vollkommenheit ihres Lebenswandels zu gewährleisten, so
sind sie dennoch für sie, wie auch für alle Gläubigen, der
sicherste Weg zum ersehnten Hochziel christlicher
Vollkommenheit. Übrigens gereicht es Uns zu großem Trost, dass
viele edelgesinnte Priester heute dafür Verständnis zeigen und
selbst als Weltgeistliche sich von kirchlich anerkannten
Priestervereinen leiten lassen, um in ihrem Streben nach
Vollkommenheit leichter und rascher Fortschritte zu machen.
Verpflichtung zur Nachfolge Christi
13
In der festen Überzeugung, dass „die hohe Würde des Priestertums
ganz in der Nachfolge Christi besteht“ (16) sollen die
Geistlichen der Mahnung des göttlichen Meisters willig Gehör
schenken: „Wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich
und folge mir nach.“ (17) Man berichtet, „der heilige Pfarrer
von Ars habe dieses Herrenwort oft eingehend betrachtet und sich
vorgenommen, es zu seiner Lebensregel zu machen“ (18). Was er
mutig begonnen, das hat er mit Gottes Gnade mannhaft und
unentwegt vollendet. Durch sein Beispiel ist er heute noch ein
sicherer Führer in den mannigfachen Tugendpflichten
priesterlicher Aszese, unter denen seine Armut, seine Keuschheit
und sein Gehorsam einen besonderen Glanz ausstrahlen.
Johannes Maria Vianney und die
evangelischen Räte
Der Geist der Armut
Verzicht auf irdischen Besitz
14
Betrachtet zunächst die Armut des Pfarrers von Ars! In dieser
Tugend war er ein gewissenhafter Jünger des heiligen Franz von
Assisi und beobachtete als Mitglied des Dritten Ordens getreu
dessen Regel. (19) Reich für die anderen, für sich selbst aber
äußerst arm, übte er zeitlebens vorbehaltlose Entsagung
gegenüber den unbeständigen und vergänglichen Gütern dieser
Welt. Und da sein Herz frei war von diesen Fesseln, stand es den
Notleidenden jeder Art weit offen, die von überall her in hellen
Scharen zu ihm kamen, um Trost und Hilfe zu suchen. „Mein
Geheimnis, sagte er, ist sehr leicht zu verstehen. Es lässt sich
in die wenigen Worte fassen: alles verschenken und nichts für
sich behalten.“ (20)
Vater und Bruder der Armen
15
Seine Anspruchslosigkeit ermöglichte es ihm, sich der Armen,
besonders jener seiner Pfarrgemeinde, mit unermüdlicher,
rührender Fürsorge anzunehmen. Er war äußerst leutselig im
Umgang mit seinen Armen und umhegte sie „mit aufrichtiger Liebe
herzlicher Güte, ja sogar mit Ehrerbietung.“ (21) Man dürfe, so
warnte er, die Armen niemals verächtlich behandeln, da man mit
deren Verachtung Gott selber treffe. Sooft Bettler bei ihm
anklopften, nahm er sie liebenswürdig auf und freute sich
herzlich, ihnen sagen zu können: „Ich bin so arm wie ihr; heute
bin ich einer von euch.“ (22) Und gegen Ende seines Lebens hörte
man ihn öfters sagen: „Ich bin sehr zufrieden, ich besitze
nichts mehr. Der Herrgott kann mich rufen, wann er will.“ (23)
Priesterliche Armut heute
Sinn der Armut nach Pius XI.
16
Ihr werdet begreifen, ehrwürdige Brüder, wie sehr Uns die
Mahnung am Herzen liegt, es möchten doch alle Unsere geliebten
Söhne im Priestertum dieses Beispiel der Armut und der
Nächstenliebe zum Gegenstand ihrer Betrachtung machen. „Die
tägliche Erfahrung lehrt“ -und als er das schrieb, dachte Pius
XI. namentlich an den heiligen Johannes M. Vianney -, „dass ein
Priester, der im Geiste des Evangeliums wirklich arm und
selbstlos lebt, inmitten des Volkes großen Segen stiftet.“ (24)
Und im Hinblick auf die heutigen sozialen Verhältnisse richtete
derselbe Papst, wie an jedermann, so auch an die Priester die
schwerwiegende Mahnung: „Mitten in der Verderbnis der Welt, in
der alles käuflich und verkäuflich ist, müssen sie frei von
jeglicher Selbstsucht wandeln, in heiliger Verachtung für jede
niedrige Gier nach irdischem Gewinn, auf der Suche nach Seelen
und nicht nach Geld, nach Gottes Ehre und nicht nach ihrer
eigenen.“ (25)
Vorschrift des C. I. C., 246
17
Diese Worte muss jeder Priester seinem Herzen tief einprägen.
Verfügt aber jemand von Rechts wegen über persönliches Eigentum,
so hüte er sich vor habgieriger Anhänglichkeit. Er erinnere sich
vielmehr an die Vorschrift des Codex Iuris Canonici über die
kirchlichen Benefizien. Dadurch wird ihm die schwere Pflicht
auferlegt, „die überflüssigen Einkünfte für die Armen oder zu
guten Zwecken zu verwenden.“ (26) Gebe Gott, dass niemand sich
jenen ernsten Tadel zuziehe, den einst der Pfarrer von Ars an
seine Gemeinde richtete: „Wie viele haben Geld und hüten es
geizig, während unzählige Notleidende vor Hunger sterben.“ (27)
Notlage vieler Priester heute
18
Wir wissen sehr wohl, dass heute viele Priester in großer Armut
leben. Wenn sie aber bedenken, dass einer aus ihren Reihen
heiliggesprochen wurde, weil er freiwillig auf alles verzichtete
und nichts sehnlicher wünschte, als der ärmste Mann seiner
Pfarrei zu sein, (28) dann wird ihnen dieses Vorbild gewiss ein
heilsamer Antrieb sein zum Streben nach vollkommener Entsagung
durch ernsthafte Pflege der evangelischen Armut. Und wenn Unsere
väterliche Teilnahme ihnen Trost bringen kann, so mögen sie
wissen, wie sehr Wir Uns darüber freuen, dass sie ohne jeden
Eigennutz Christus und der Kirche hochherzig dienen.
Anrecht auf den notwendigen
Lebensunterhalt
19
Wenn Wir die hehre Tugend der Armut so sehr empfehlen und loben,
soll das nicht etwa besagen, dass Wir die unwürdige materielle
Notlage gutheißen, zu der die Priester in manchen Städten wie
auch auf dem Lande bisweilen verurteilt sind. In seiner
Auslegung der Worte des Herrn über den Verzicht auf irdische
Güter sagt der heilige Beda Venerabilis, um einer falschen
Deutung vorzubeugen: „Es ist nicht der Sinn dieses Gebotes, dass
die Diener Gottes keine Ersparnisse anlegen dürfen, um sie für
sich oder für die Armen zu verwenden. Lesen wir doch, dass der
Herr selber ... zur Gründung seiner Kirche eine Kasse hatte...
Es geht vielmehr darum, dass wir Gott nicht um des Geldes willen
dienen oder aus Furcht vor Not die Gerechtigkeit verletzen.“
(29) Übrigens ist jeder Arbeiter seines Lohnes wert. (30)
Deshalb machen Wir Uns die Sorge Unseres unmittelbaren
Vorgängers zu eigen und richten an die Gläubigen die dringende
Bitte, dem Aufruf ihrer Bischöfe bereitwillig nachzukommen, die
sich löblicherweise bemühen, ihren geweihten Mitarbeitern den
notwendigen Lebensunterhalt zu sichern (31).
Der Geist der Keuschheit
Selbstverleugnung durch Ganzhingabe
20
Johannes M. Vianney gab nicht nur durch seinen Verzicht auf
irdisches Hab und Gut ein herrliches Beispiel, sondern auch
durch die Abtötung seines Leibes. „Es gibt nur eine Möglichkeit,
sagte er, sich durch Selbstverleugnung und Buße Gott so
hinzugeben, wie es sich gebührt: nämlich die Ganzhingabe.“ (32)
Das hat der heilige Pfarrer von Ars zeit seines Lebens bezüglich
der Keuschheit mannhaft verwirklicht.
Besondere Bedeutung heute
21
Dieses erhabene Vorbild der Keuschheit ist offenbar für die
Priester unserer Zeit von besonderer Bedeutung. Denn von Amts
wegen müssen sie leider in manchen Gegenden inmitten einer
Umgebung leben, die durch lockere Sitten und ausgelassene
Sinnenlust geradezu verseucht ist. Allzu oft bewahrheitet sich
an ihnen das Wort des heiligen Thomas von Aquin: „Wegen der
äußeren Gefahren ist es recht schwierig, in der Seelsorge
tugendhaft zu leben.“ (33) Dazu kommt, dass sie sich oft
vereinsamt fühlen und selbst bei den Gläubigen, um deren
Seelenheil sie sich mühen, wenig Verständnis, wenig
Unterstützung und Förderung finden.
22
An sie alle, insbesondere aber an jene, die am meisten unter
Vereinsamung leiden und auch am schwersten gefährdet sind,
richten Wir neuerdings durch dieses Schreiben die inständige
Mahnung: Euer ganzes Leben sei gewissermaßen ein strahlender
Spiegel der Keuschheit! Der heilige Pius X. nannte ja diese
Tugend mit Recht „die auserlesene Zierde unseres Standes.“ (34)
Aufgaben der Bischöfe
23
Euch obliegt es, ehrwürdige Brüder, keine Mühe zu scheuen und
nach Kräften dafür zu sorgen, dass eurem Klerus Lebens- und
Arbeitsbedingungen geboten werden, die seinen Schaffenseifer
möglichst begünstigen. Es gilt, mit allen Mitteln die Gefahren
eines allzu einsamen Lebens zu bannen, unbedachtes und unkluges
Verhalten durch rechtzeitige Ermahnungen zurecht zu weisen und
schließlich die Verlockungen zu Müßiggang wie auch die
übermäßige Beanspruchung durch äußere Betriebsamkeit in
Schranken zu weisen. Hier ist es wohl angebracht, an die weisen
Vorschriften zu erinnern, die Unser letzter Vorgänger im
Rundschreiben Sacra virginitas (35) erlassen hat.
Der heilige Johannes M. Vianney als
Vorbild
24
Engelgleiche Reinheit, so berichtet man, umstrahlte das Antlitz
des Pfarrers von Ars.(36) In der Tat, auch heute noch wird jeder
aufmerksame Betrachter dieser Priestergestalt tief beeindruckt
von der heldenmütigen Entschlossenheit, mit der dieser wackere
Gefolgsmann Christi seinen Leib in Zucht hielt, (37) aber auch
von seiner hinreißenden Überzeugungskraft, die unabsehbare
Scharen frommer Pilger mit geradezu überirdischer Zaubermacht in
seinen Bannkreis zog. Aus seiner langjährigen Beichtpraxis
kannte er nur allzu gut die schlimmen Folgen der unreinen Lust.
Deswegen brach er manchmal in den Seufzer aus: „Gäbe es nicht
unschuldige Seelen, um den durch unsere Sünden beleidigten Gott
zu versöhnen, was hätten wir dann an Strafen zu gewärtigen!
Aber, so sehr er auch darauf beharrte, immer ermutigte er seine
Zuhörer mit dem Zuspruch: „Die Bußwerke bringen so viel Wonne,
so viel Seligkeit, dass man sie nie mehr lassen kann, wenn man
einmal davon gekostet hat... Auf diesem Weg sind nur die ersten
Schritte mühsam.“ (38)
Ein Segen für die Mitmenschen
25
Solch ein asketisches Leben zum Schutz der Keuschheit lässt das
Herz des Priesters durchaus nicht in unfruchtbarem Eigennutz
verkümmern; es öffnet und weitet es vielmehr für die Bedürfnisse
der Mitmenschen. Diesbezüglich bemerkte der heilige Johannes M.
Vianney sehrtreffend: „Ein reines Herz kann nicht anders als
lieben, denn es hat Gott gefunden, den Quellgrund und Ursprung
der Liebe.“ (39)
26
Wie viele und wie große Wohltaten erweisen doch der i
menschlichen Gesellschaft solche Männer, die frei von weltlichen
Sorgen und einzig dem Dienste Gottes ergeben sind und ihr Leben,
ihr Sinnen und ihre Kräfte für das Seelenheil ihrer Brüder
einsetzen! Welch ein Segen für die Kirche ist ein Priester, der
sich redlich bemüht, die Keuschheit unversehrt zu bewahren! Mit
Unserem Vorgänger Pius XI. erachten Wir diese Tugend als die
vornehmste Zierde des katholischen Priestertums, da „sie den
Wünschen und Absichten des heiligsten Herzens Jesu in bezug auf
die Seelen der Priester besser zu entsprechen scheint.“ (40) Ist
es nicht eben diese Absicht der göttlichen Liebe, die Johannes
Maria Vianney meinte, als er den stolzen Satz schrieb: „Das
Priestertum, das ist die Liebe des heiligsten Herzens Jesu.“
(41)
Der Geist des Gehorsams=
Johannes M. Vianney bleibt Pfarrer aus
Gehorsam
27
Für den tugendhaften Gehorsam, der diesen Heiligen auszeichnete,
gibt es zahllose Zeugnisse. Man kann wohl behaupten, dass die
Ergebenheit seinen Oberhirten gegenüber, die er bei der
Priesterweihe gelobt und unverbrüchlich bewahrt hat, ihm vierzig
Jahre lang ein ununterbrochenes Willensopfer abforderte.
28
Tatsächlich hatte er zeit seines Lebens ein brennendes Verlangen
nach einem zurückgezogenen Dasein in stiller Einsamkeit. Er
glaubte, das Seelsorgeramt sei für seine Schultern eine
übergroße Bürde, die er zu wiederholten Malen loszuwerden
trachtete. Geradezu bewundernswert ist sein Gehorsam gegen den
Bischof. Wir wollen hier einige Zeugen zum Wort kommen lassen.
Der eine berichtet: „Schon vom fünfzehnten Lebensjahr an
verlangte ihn sehnlichst nach einem Leben in der Einsamkeit. Da
aber dieser Wunsch unerfüllt blieb, war ihm die Freude an allem
vergällt, was ihm das Leben sonst hätte bieten können.“ (42)
Doch „Gott ließ nicht zu - sagt ein anderer - dass sein Vorhaben
in Erfüllung ging. So hat die Vorsehung ohne Zweifel dafür
gesorgt, dass der heilige Johannes Maria Vianney seinen Willen
dem Gehorsam opferte und seine persönlichen Wünsche den
Amtspflichten unterordnete; und somit hatte er jederzeit
Gelegenheit, sich durch Selbstverleugnung zu bewähren“ (43). Und
ein dritter bezeugt: „Herr Vianney blieb Pfarrer von Ars einzig
aus Gehorsam gegen seine Vorgesetzten, und er hat bis zum Tod
auf diesem Posten ausgeharrt.“ (44)
Seine übernatürlichen Beweggründe
29
Nun ist aber zu beachten, dass ein solch vollkommener Gehorsam
gegenüber den Anordnungen der Vorgesetzten ganz übernatürlich
begründet war. Wenn er nämlich die kirchliche Obrigkeit
anerkannte und sich ihr gerne fügte, so geschah es im Glauben an
die Worte unseres Herrn Jesus Christus, der seinen Aposteln
beteuert hat: „Wer euch hört, der hört mich.“ (45) Um nun seinen
Vorgesetzten gewissenhaft ergeben zu sein, hatte er sich daran
gewöhnt, seinem eigenen Willen zu entsagen, indem er die schwere
Bürde der Beichtseelsorge auf sich nahm und bei seinen
Mitbrüdern zu jeder Aushilfe bereit war, die dem Heil der Seelen
dienen konnte.
Gefährdung durch den modernen
Zeitgeist
30
Wir verweisen die Geistlichen auf das Vorbild dieses Gehorsams,
in der zuversichtlichen Überzeugung, dass sie die Größe und den
Glanz dieser Tugend besser erfassen und sie auch bereitwilliger
pflegen werden. Und wer es wagen sollte, die hohe Bedeutung
dieser Tugend anzuzweifeln, wie es heute bisweilen vorkommt, der
möge sich durch Unseren Vorgänger Pius XII. eines Besseren
belehren lassen und merke sich sein Urteil: „Ein heiligmäßiges
Leben und ein ersprießliches Priesterwirken wird gestützt und
getragen von der festen Grundlage eines unverbrüchlichen
Gehorsams gegen die Hierarchie.“ (46)
31
Ihr wisst übrigens, ehrwürdige Brüder, dass Unsere Vorgänger aus
neuerer Zeit die Priester oft und ernsthaft gewarnt haben vor
der großen Gefahr eines wachsenden Bedürfnisses des Klerus nach
Unabhängigkeit, sei es gegenüber dem kirchlichen Lehramt, sei es
bezüglich der Seelsorgsmethoden wie auch hinsichtlich der
kirchlichen Disziplin.
Voraussetzung: Liebe zur Kirche
32
Wir wollen nicht länger dabei verweilen. Nützlicher scheint Uns
vielmehr die Mahnung an alle Söhne im Priestertum, sie möchten
in ihrem Herzen die Liebe zur Kirche pflegen und vertiefen, um
sich mit ihrer heiligen Mutter enger verbunden zu fühlen.
33
Man konnte vom heiligen Johannes M. Vianney sagen, er habe so
innig mit der Kirche gelebt, dass er ausschließlich für sie
arbeitete und sich für sie verzehrte, wie wenn Spreu in
glühenden Kohlen verglimmt. Möge auch uns, die wir Priester Jesu
Christi sind, die lodernde Glut des Heiligen Geistes erfassen
und verzehren.
34
Alles, was wir sind und haben, verdanken wir der Kirche. Daher
wollen wir nur in ihrem Namen und in ihrem Auftrag unser
Tagewerk verrichten, um das Amt, mit dem sie uns betraut hat,
pflichtgemäß zu verwalten. Bemühen wir uns, wie es sich gebührt,
in brüderlicher Eintracht möglichst vollkommene Diener der
Kirche zu sein. (47)
Die priesterliche Frömmigkeit
Johannes M. Vianney, ein Mann des
Gebetes
Die Quelle seines Erfolges
35
Wenn der heilige Johannes Maria Vianney, wie eben dargelegt, als
strenger Büßer lebte, so war er auch davon überzeugt, dass „der
Priester vor allem ein Mann des Gebetes sein muß.“ (48) Kaum war
er Pfarrer eines Dorfes geworden, wo es schlimm stand um das
christliche Leben, da verbrachte er bekanntlich Nacht für Nacht
lange Anbetungsstunden vor Christus im Altarssakrament. Der
Tabernakel war offensichtlich der unversiegliche Quell jener
übernatürlichen Kraft, die seine persönliche Frömmigkeit nährte
und seinem seelsorglichen Wirken Erfolg verlieh. Man könnte
daher das Dorf Ars zur Zeit des Heiligen zutreffend mit den
Worten Unseres Vorgängers Pius XII. über die christliche Pfarrei
kennzeichnen: „Der Mittelpunkt ist die Kirche. Mittelpunkt der
Kirche ist der Tabernakel, und zur Seite steht der Beichtstuhl,
wo das christliche Volk das übernatürliche Leben oder die
Gesundheit der Seele wiedererlangt.“ (49)
Ständige Vereinigung mit Gott
36
Das Beispiel unablässigen Gebetes von seiten eines Mannes, der
ganz in der Seelsorge aufging, ist fürwahr höchst zeitgemäß und
heilsam für die Priester unserer Tage, die bisweilen den Wert
der äußeren Tätigkeit überschätzen und sich so sehr von einer
geschäftigen Betriebsamkeit erfassen lassen, dass ihre Seele
darob Schaden leidet.
37
„Was uns Priester hindert heilig zu werden - sagte der Pfarrer
von Ars - das ist der Mangel an Innerlichkeit. Man sammelt sich
nicht; man weiß nicht, was man tut. Sammlung, Betrachtung,
Vereinigung mit Gott: das tut uns not.“ Die Zeugen seines Lebens
bestätigen seinen beharrlichen Gebetseifer. Weder die
erdrückende Last der Beichten, noch die übrigen Pflichten der
Seelsorge vermochten ihn im geringsten davon abzubringen. „Trotz
seiner übermäßigen Beanspruchung unterbrach er nie das Gespräch
mit Gott.“ (50)
Glück und Segen des Gebetes
38
Doch, lassen wir ihn selber zum Wort kommen. Seine Beredsamkeit
war unerschöpflich, wenn er vom Glück und vom Segen des Gebetes
sprach: „Wir, sind Bettler, die alles von Gott erflehen müssen.“
(51) „Wie viele Menschen können wir durch unser Gebet zu Gott
zurückführen!“ (52) Und immer wieder beteuerte er: „Das Gebet
ist das höchste Glück des Menschen auf Erden.“ (53)
39
Fürwahr, er genoss dieses Glück in vollen Zügen, wenn er im
Lichte des Glaubens die ewigen Wahrheiten betrachtete und wenn
sich seine schlichte und reine Seele vom Geheimnis des
menschgewordenen Gottessohnes bis zu den erhabenen Sphären der
allerheiligsten Dreifaltigkeit liebentbrannt emporschwang. Und
die Pilgerscharen, die ihn im Kirchlein von Ars umdrängten,
gaben sich wohl Rechenschaft, dass ihnen dieser demütige
Priester etwas vom innersten Geheimnis seines Seelenlebens
kundtat, wenn jeweils, wie es öfters geschah, die Glut seines
Herzens im Ausruf aufloderte: „Von Gott geliebt sein, mit Gott
vereint sein, im Angesicht Gottes wandeln, für Gott leben: O
seliges Leben, O seliges Sterben !“ (54)
Das Gebet im Priesterleben heute
Voraussetzung: Glaubensgeist
40
Wir wünschen inständig, ehrwürdige Brüder, es möchten doch alle
Priester, die eurer Obsorge anvertraut sind, durch das lebendige
Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney zur festen
Überzeugung geführt werden, dass sie sich um jeden Preis bemühen
müssen, Männer des Gebetes zu sein, und dass dies tatsächlich
möglich ist, obwohl sie zuweilen durch ihre Amtspflichten sehr
stark in Anspruch genommen sind.
41
Dazu müssen sie jedoch ihr Leben ganz nach den Richtlinien des
Glaubens gestalten, von dem der heilige Pfarrer von Ars so tief
durchdrungen war, dass er Erstaunliches vollbrachte. „Wie
wunderbar, der Glaube dieses Priesters!“ rief einer seiner
Mitbrüder aus. „Man könnte damit eine ganze Diözese bereichern.“
(55)
Die vorgeschriebenen Gebetsübungen
42
Nun aber ist diese dauernde Vereinigung mit Gott weitgehend
bedingt durch die verschiedenen Übungen priesterlicher
Frömmigkeit, von denen die wichtigsten durch kluge Verordnungen
der Kirche vorgeschrieben sind. Dazu gehören namentlich die
tägliche Betrachtung, der Besuch des allerheiligsten
Altarssakramentes, das Rosenkranzgebet und die
Gewissenserforschung. (56) Das Breviergebet ist für die Priester
sogar eine schwere Amtspflicht gegenüber der Kirche. (57)
43
Aus der Vernachlässigung der einen oder der anderen dieser
vorgeschriebenen Übungen ist es vielleicht nicht selten zu
erklären, dass gewisse Geistliche dem äußeren Betriebe zum Opfer
fallen, allmählich innerlich verarmen und schließlich, leider
Gottes, von den Verlockungen dieser Welt umgarnt, in schwere
Gefahr geraten, weil ihnen jede geistliche Schutzwehr fehlt.
Erster Zweck: Selbstheiligung
Johannes
Maria Vianney hingegen „vergaß ob der Sorge für das Seelenheil
der Mitmenschen seine eigene Seele keineswegs. Er war sehr
darauf bedacht, sich selber zu heiligen, um desto besser
befähigt zu sein, auch die anderen zu diesem Ziel zu führen“
(58).
44
Sagen Wir es mit den Worten des heiligen Pius X.: „Halten wir am
unerschütterlichen Grundsatz fest: um seiner hohen Würde und
seiner Berufspflicht gerecht zu werden, muss der Priester das
Gebetsleben mit außergewöhnlicher Hingabe pflegen ... Der
Priester sollte viel eifriger als irgend jemand Christi Gebot
befolgen: Man muss allzeit beten. Ein Gebot, das Paulus mit
Nachdruck betont: Seid beharrlich im Gebete, seid wachsam im
Geiste der Dankbarkeit; betet ohne Unterlaß!“ (59) Ferner
schließen Wir Uns gern der Aufforderung Unseres unmittelbaren
Vorgängers an, der zu Beginn seines Pontifikates den Priestern
die Losung gab: „Betet ! Betet immer mehr und mit wachsendem
Eifer !“ (60)
Die eucharistische Frömmigkeit des
Priesters
Der Pfarrer von Ars und das
Altarsakrament
45
Die Frömmigkeit des heiligen Johannes Maria Vianney war
besonders gekennzeichnet durch ihren eucharistischen Charakter.
Man kann wohl sagen, dass er die letzten dreißig Jahre seines
Lebens in der Kirche zugebracht hat, wo der gewaltige Zustrom
der Beichtkinder ihn unablässig festhielt.
46
Seine Andacht zu Jesus Christus im allerheiligsten
Altarssakrament war geradezu außergewöhnlich. „Er ist da - sagte
er -, der uns so sehr liebt; warum sollten wir ihm seine Liebe
nicht erwidern?“ (61) Fürwahr, er hat dem anbetungswürdigen
Altarssakrament seine ganze Liebe geschenkt, und er fühlte sich
mit unwiderstehlicher übernatürlicher Gewalt zum Tabernakel
hingezogen.
47
Den Gläubigen empfahl er folgende Gebetsweise: „Man braucht
nicht viele Worte zu machen, um gut zu beten. (62) Man weiß,
dass der Herrgott da ist, im heiligen Tabernakel. Man öffnet ihm
sein Herz, man ist glücklich in seiner Gegenwart. Das ist die
beste Art zu beten.“ Er tat alles, um in den Herzen der
Gläubigen die Ehrfurcht vor Christus im heiligen Sakrament und
die Liebe zu ihm zu wecken sowie um sie zum Tische des Herrn zu
führen. Er ging aber selber mit dem guten Beispiel voran. „Um
sich davon zu überzeugen - so berichteten die Zeitgenossen -,
genügte es, ihn bei der heiligen Messe zu beobachten oder auch
nur, wenn er vor dem Tabernakel die Kniebeugung machte.“ (63)
Der Priester vor dem Allerheiligsten
48
„Das wunderbare Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney -
so bezeugt Unser Vorgänger Pius XII. - behält auch heute noch
seinen vollen Wert.“ (64) Denn die Gebetswachen vor dem
Allerheiligsten verleihen dem Priester eine solche Würde und
Tatkraft, dass er sie durch nichts anderes erwerben und in
keiner Weise ersetzen kann. Wenn also der Priester seinem Herrn
Jesus Christus Anbetung und Dank zollt oder für seine eigenen
und fremde Sünden Abbitte leistet oder endlich die empfohlenen
Anliegen fürbittend vor Gott trägt, dann wächst in seinem Herzen
die Liebe zum göttlichen Erlöser, dem er Treue geschworen hat,
sowie zu den Menschen, die seiner Hirtensorge anvertraut sind.
Eine eucharistische Frömmigkeit, die von echter und
opferbereiter Liebe beseelt ist, hat die segensreiche Wirkung,
dass der Priester im geistlichen Leben Fortschritte macht und
dass ihm für sein seelsorgerliches Wirken übernatürliche Kräfte
zufließen, die den tüchtigen Werkleuten Christi nie fehlen
dürfen.
Ein Beispiel für die Gläubigen
49
Ferner ist nicht zu übersehen, dass es auch für die Gläubigen
eine fördernde Wohltat bedeutet, Zeugen der vorbildlichen
Frömmigkeit ihrer Priester zu sein. Treffend bemerkte einmal
Unser Vorgänger Pius XII. in einer Ansprache an den Klerus von
Rom: „Wollt ihr, dass eure Gläubigen andächtig und gern beten,
dann müsst ihr ihnen in der Kirche das gute Beispiel geben und
sie müssen euch selber beten sehen. Ein Priester, der in
würdiger Haltung und tiefer Sammlung ins Gebet versunken vor dem
Tabernakel kniet, ist für das Volk ein erbauliches Vorbild, das
zur Nachahmung aneifert.“ (65) Mit diesem Rüstzeug trat der
junge Pfarrer von Ars an seine apostolische Aufgabe heran. Kein
Zweifel, dass es jederzeit und überall seinen Wert behält.
Das heilige Messopfer im Priesterleben
Hochform des eucharistischen Gebetes
50
Wir wollen jedoch nie vergessen, dass das eucharistische Gebet
im heiligen Messopfer seinen vollkommenen Ausdruck findet und
seine höchste Vollendung erreicht. Dieser Punkt, ehrwürdige
Brüder, ist Unseres Erachtens eingehend zu erwägen, handelt es
sich doch um ein unentbehrliches Herzstück des priesterlichen
Lebens.
51
Wir haben zwar nicht die Absicht, an dieser Stelle die
überlieferte Lehre der Kirche über das Priestertum und das
eucharistische Opfer ausführlich darzulegen. Unsere Vorgänger
Pius XI. und Pius XII. haben diesen Gegenstand in bedeutsamen
Verlautbarungen meisterhaft behandelt. Lasst es euch nur
angelegen sein, ehrwürdige Brüder, die Priester wie die
Gläubigen eurer Bistümer mit dieser Lehre gründlich vertraut zu
machen. So können nämlich die unzulänglichen Kenntnisse gewisser
Kreise behoben und die gewagten Behauptungen, die in strittigen
Fragen zuweilen darüber geäußert wurden, richtiggestellt werden.
Quelle der priesterlichen Heiligkeit
52
Aber auch diesbezüglich halten Wir es für sehr heilsam, in
diesem Rundschreiben zu zeigen, mit welcher heroischen
Gewissenhaftigkeit der heilige Pfarrer von Ars seine
Priesterpflichten erfüllt hat und warum er es hauptsächlich
verdient, das leuchtende Tugendvorbild der Seelsorger und ihr
Schutzpatron im Himmel zu sein. Wenn es durchaus stimmt, dass
der Priester die heiligen Weihen empfängt, um dem Altar zu
dienen, und dass er sein Amt antritt mit der Darbringung des
eucharistischen Opfers, so entspricht es auch der Wahrheit, dass
das Messopfer für den Priester zeitlebens der tiefste Quellgrund
seiner persönlichen Vollkommenheit wie auch seines
seelsorglichen Wirkens bleibt. All das trifft für den heiligen
Johannes Vianney in hohem Maße zu.
Ziel: die christliche
Opfergemeinschaft
53
Besteht nicht, gesamthaft gesehen, das höchste Ziel aller
priesterlichen Tätigkeit darin, im ganzen Bereich der Kirche ein
Volk um den Altar Gottes zu scharen, das im Glauben einig, aus
der Taufe wiedergeboren und von Sündenschuld frei ist? Dann
vollzieht der Priester, kraft seiner Weihevollmacht, das
göttliche Opfer, und es ereignet sich die Erneuerung des
einmaligen Kreuzesopfers, das Jesus Christus zur Erlösung der
Menschheit und zur Verherrlichung seines himmlischen Vaters auf
Kalvaria vollbracht hat. Dann trägt die christliche Gemeinde
durch Vermittlung des Priesters das göttliche Opferlamm vor den
Allerhöchsten und bringt sich selber dar als „lebendige, heilige
und Gott wohlgefällige Opfergabe.“ (66) Dort wird das Volk
Gottes im Glauben und in den Geboten unterwiesen, sowie mit dem
Leibe Christi genährt; so empfängt und vermehrt es das
übernatürliche Leben und wird nötigenfalls zur Einigkeit
gestärkt. Dort wird schließlich in allen Zonen und Zeiten der
Welt der mystische Leib Christi, der die Kirche ist, in der
Kraft des Geistes auferbaut.
54
Nun aber hat der heilige Johannes Maria Vianney im Lauf der
Jahre seine Tage immer mehr zwischen Kanzel und Beichtstuhl
verbracht und in der Ausübung seiner Seelsorge den Altar Gottes
ständig im Auge behalten. Mit vollem Recht kann man daher sein
Leben als ein hervorragend priesterliches und seelsorgerliches
Dasein bezeichnen.
55
Gewiss, zur Kirche von Ars eilten die Sünder in Scharen und aus
eigenem Antrieb, angezogen durch den Ruf des heiligmäßigen
Pfarrers, während viele Priester ihr Pfarrvolk nur unter großen
Anstrengungen zu sammeln vermögen, um nach Art der Missionare
lediglich die Anfangsgründe der christlichen Lehre zu
vermitteln. Diese unumgänglichen und bisweilen harten Mühsale
der Seelsorge dürfen jedoch die Priester nicht hindern, der
hochbedeutsamen Aufgabe eingedenk zu sein, auf die sie stets ihr
Augenmerk richten müssen und die Johannes Vianney erfüllte,
indem er sich in seiner ärmlichen Dorfkirche den Hauptpflichten
der Seelsorge restlos hingab.
Die richtige Opfergesinnung
56
Eines aber ist vor allem zu beachten: was immer der Priester
erwägt, beabsichtigt und tut, um heilig zu werden, muss sein
Vorbild und seine Gnadenquelle im eucharistischen Opfer haben,
das er darbringt, gemäß der Aufforderung des Römischen
Pontifikale: „Erkennet, was ihr tut; ahmt nach, was ihr
vollzieht!“
57
Dazu gestatten Wir Uns die treffenden Worte Unseres
unmittelbaren Vorgängers aus der Adhortatio Menti Nostrae
anzuführen: „Wie das ganze Leben unseres Erlösers auf sein Opfer
hingeordnet war, so soll auch das Leben des Priesters, der das
Bild Christi in sich nachgestalten muss, mit ihm, in ihm, und
durch ihn ein wohlgefälliges Opfer werden ... Darum soll er das
eucharistische Opfer nicht nur feiern, sondern auch tief
innerlich miterleben; denn nur so kann er jener übernatürlichen
Kraft teilhaftig werden, durch die er verwandelt wird und am
Sühneleben des göttlichen Erlösers selber teilnehmen kann.“ (67)
Und ferner: „Der Priester muss sich also bemühen, alles, was auf
dem Altar geschieht, im Geiste mitzuvollziehen. Denn wie Jesus
Christus sich selber opfert, so muss der Priester sich mit ihm
gemeinsam opfern; und wie Jesus die Sünden der Menschen büßt, so
soll auch der Priester auf dem erhabenen Weg der christlichen
Aszese zur Läuterung seiner selbst und des Nächsten gelangen.“
(68)
Messopfer und Lebensopfer des
Priesters
58
Diese erhabene Lehre hat die Kirche vor Augen, wenn sie gleich
einer Mutter ihre geweihten Diener inständig einlädt, ein
aszetisches Leben zu führen und das eucharistische Opfer mit
gläubiger Ehrfurcht zu feiern. Wenn gewisse Priester der ersten
Liebe ihres Weihetages allmählich untreu werden, ist es dann
nicht dem Umstand zuzuschreiben, dass sie nie ganz im klaren
waren über die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem
persönlichen Lebensopfer und dem Messopfer? Diese Erfahrung hat
der heilige Johannes Vianney in die Worte gefasst: « Wenn ein
Priester in seinem Lebenswandel nachlässig wird, so liegt es
daran, dass er bei der Messe nicht andächtig ist.“ Und da dieser
tugendhafte Mann die Gepflogenheit hatte, „sich als Sühnopfer
für die Sünder anzubieten“ (69), vergoss er jeweils Tränen,
„wenn er an die unglücklichen Priester dachte, die ihrem
heiligen Berufe nicht genügen.“ (70)
59
Väterlich ermahnen und bitten Wir also Unsere geliebten
Priester, sich regelmäßig darüber zu erforschen, wie sie das
heilige Messopfer feiern“ (71) in welcher Gesinnung und
seelischen Verfassung sie an den Altar treten und welche Gnaden
sie dabei zu erlangen trachten. Mögen sie dazu angespornt werden
durch die Zentenarfeier zu Ehren dieses vorbildlichen und
bewunderungswürdigen Priesters, der „aus dem trostvollen Glück,
die heilige Messe zu feiern“ die freudige Bereitschaft zur
Selbsthingabe schöpfte. Wir hegen das feste Vertrauen, dass
seine Fürbitte ihnen Licht und Kraft in reichem Maß erwirken
wird.
Der priesterliche Seeleneifer
Die Seelsorge: Frucht der
Selbstheiligung
Das oberste Gesetz jeder apostolischen
Tätigkeit
60
Das Idealbild priesterlicher Aszese und Frömmigkeit, das Wir,
ehrwürdige Brüder, auf den obigen Seiten entworfen haben, ist
auch ein untrüglicher Hinweis auf die Quelle des priesterlichen
Seeleneifers, der dem Wirken dieses heiligen Pfarrers so
wunderbare übernatürliche Erfolge eintrug. Wohlweislich bemerkt
dazu Unser Vorgänger Pius XII. in seinem Mahnwort an den Klerus:
„Der Priester muss bedenken, dass das überaus wichtige, ihm
anvertraute Seelsorgeramt um so reichere Früchte zeitigen wird,
je inniger er selber mit Christus verbunden ist und sich bei
seinem Wirken von Christi Geist leiten läßt.“ (72) Das Leben des
Pfarrers von Ars liefert fürwahr eine neue, glanzvolle
Bestätigung des obersten Gesetzes jeder apostolischen Tätigkeit,
das sich auf die Worte Jesu Christi stützt: „Ohne mich könnt ihr
nichts tun.“ (73)
Der Pfarrer von Ars, mustergültig in
seiner Zeit
61
Selbstverständlich geht es hier nicht darum, die erstaunliche
Geschichte dieses schlichten Landpfarrers ausführlich zu
erzählen, dessen Beichtstuhl dreißig Jahre lang von so
unzähligen Menschen umlagert war, dass gewisse Spötter ihn als
„Volksverführer des neunzehnten Jahrhunderts“ (74) gelästert
haben. Es ist Unseres Erachtens auch nicht nötig, näher
einzugehen auf seine besonderen Seelsorgsmethoden, die in
unserer Zeit nicht durchweg anwendbar sind.
62
Diesbezüglich sei nur daran erinnert, dass dieser Heilige für
seine Zeit ein vorbildlicher Seelsorger war in einem kleinen
Dorf, wo die verhängnisvollen Folgen der französischen
Revolution sich im Glaubens- und Sittenleben noch bemerkbar
machten. Vor seinem Amtsantritt hatte er den Auftrag bekommen:
„Diese Pfarrei ist arm an Gottesliebe; Sie werden sie ihr
bringen.“ (75)
63
Wie er aber im Dienste Gottes unermüdlich tätig war, mit wie
viel Geschick er die Jugend zu gewinnen und die Familien im
christlichen Geiste zu bilden verstand, wie er um die zeitlichen
Bedürfnisse seiner Pfarrkinder, denen er sehr nahe stand,
redlich besorgt war und sich dermaßen um die mannigfachsten
Belange kümmerte, dass christliche Schulen gegründet und
Volksmissionen abgehalten wurden: das alles ist ein Beweis
dafür, dass der heilige Johannes M. Vianney inmitten seiner
kleinen Herde das getreue Ebenbild des Guten Hirten war, der
seine Schäflein kennt, sie vor Gefahren schützt und ihnen ein
zielbewusster und gütiger Hüter ist.
64
Ohne es zu ahnen, hat er sein eigenes Lob gesungen, als er
einmal in einer Predigt ausrief: „Ein guter Hirt, ein Hirt nach
dem Herzen Gottes, das ist das größte Geschenk, das der Herrgott
einer Pfarrgemeinde machen kann.“ (76)
Das dreifache Beispiel des Pfarrers
von Ars
Der pflichtbewusste Volksseelsorger
Hohe Einschätzung des Seelenheils
65
Das Beispiel dieses heiligen Mannes scheint Uns namentlich in
dreifacher Hinsicht von größter Bedeutung zu sein für alle
Zeiten. Darum, ehrwürdige Brüder, möchten Wir eure
Aufmerksamkeit besonders auf drei Punkte hinlenken.
66
Vor allem beeindruckt Uns seine hohe Wertschätzung für das
Seelsorgeramt. Seine Demut war so groß und der Wert des
menschlichen Seelenheils erschien ihm im Lichte des Glaubens so
hoch, dass er seine Verantwortung als Pfarrer nur mit Furcht und
Zittern zu tragen vermochte.
67
„Lieber Freund - gestand er einem Mitbruder -, du weißt nicht,
was es heißt, aus einem Pfarrhaus vor Gottes Gericht gerufen zu
werden.“ (77)
68
Es ist übrigens, wie schon erwähnt, eine bekannte Tatsache, dass
es lange Zeit sein heißer Wunsch war, sich in die Einsamkeit
zurückzuziehen, um dort, wie er sagte, „sein armseliges Leben zu
beweinen“ und Buße zu tun. Ebenso steht fest, dass einzig der
Gehorsam und die Sorge um das Heil der Seelen ihn dazu bewogen
haben, an seinen bereits verlassenen Seelsorgerposten
zurückzukehren.
Heroische Einsatzbereitschaft
69
Wenn es aber zu gewissen Zeiten den Anschein hatte, als erliege
er schier der erdrückenden Bürde seiner Amtslasten, so ist die
Erklärung dafür in der Tatsache zu suchen, dass er von seinen
Seelsorgerpflichten eine geradezu heldenmütige Auffassung hatte.
Kaum war er Pfarrer geworden, da bestürmte er den Himmel mit der
Bitte: „Mein Gott, gewähre mir die Bekehrung meiner Gemeinde!
Ich bin bereit, mein Leben lang alles zu erdulden, was Dir
gefällt.“ (78)
70
Und Gott hat sein Gebet erhört. Denn später musste er selber
gestehen: „Hätte ich, als ich nach Ars kam, die Leiden
vorausgesehen, die mir dort bevorstanden, ich wäre vor Schreck
sogleich gestorben.“ (79)
71
Nach dem Vorbild der apostolisch gesinnten Männer aller Zeiten
hatte er im Kreuz das wirksamste Mittel erkannt, um etwas
beizutragen zum ewigen Heil der ihm anvertrauten Seelen. Aus
Liebe zu ihnen ertrug er, ohne zu klagen, Verleumdungen,
Vorurteile und Widerwärtigkeiten aller Art; aus Liebe zu ihnen
unterzog er sich bereitwillig den härtesten seelischen und
körperlichen Beschwerden, die das tägliche, sozusagen
ununterbrochene Beichthören während dreißig Jahren mit sich
brachte; aus Liebe zu ihnen führte er einen heroischen Kampf
gegen den bösen Feind und aus Liebe zu ihnen züchtigte er seinen
Leib durch freiwillige Bußwerke.
72
Bekannt ist auch seine Antwort auf die Klage eines Mitbruders,
der wegen des geringen Erfolges seiner Bemühungen entmutigt war:
„Du hast gebetet, geweint, geseufzt und gejammert. Hast du aber
auch gefastet, Nächte durchwacht, auf dem harten Boden
geschlafen und dich gegeißelt? Solange du das nicht getan hast,
darfst du nicht meinen, du habest alles versucht.“ (80)
Liebe zu den anvertrauten Seelen
73
Abermals wenden Wir Uns an alle Seelsorger und bitten sie
inständig, sich diese schwerwiegenden Worte zu Herzen zu nehmen.
Im Lichte der übernatürlichen Klugheit, die unser ganzes Tun und
Lassen leiten soll, möge ein jeder prüfen, ob seine Lebensweise
den Anforderungen genügt, welche ihm die Hirtensorge um die
anvertrauten Seelen auferlegt.
74
Im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, der unserer menschlichen
Schwäche seine Hilfe niemals versagt, mögen die Priester über
ihre Aufgaben und Pflichten nachdenken, indem sie sich das
Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney vor Augen halten.
„Ein großes Unglück für uns Priester - klagte der Heilige - ist
die seelische Abstumpfung.“ Damit meinte er die verhängnisvolle
Gleichgültigkeit gewisser Seelsorger gegenüber dem Sündenleben
so vieler Schutzbefohlenen. Wer hingegen in die Fußstapfen des
Pfarrers von Ars treten will, der „davon überzeugt war, dass man
die Menschen lieben müsse, um ihnen Gutes zu tun“ (81), der möge
sich fragen, wie groß seine Liebe zu denen ist, die Gott ihm
anvertraut hat und für die Christus gestorben ist!
75
Zugegeben, wegen der menschlichen Freiheit und infolge gewisser
Umstände, die vom menschlichen Willen unabhängig sind, können
sogar die Bemühungen der größten Heiligen erfolglos bleiben.
Dennoch darf der Priester nicht vergessen, dass gemäß dem
unerforschlichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung das ewige
Los sehr vieler Menschen durch seinen seelsorgerlichen Eifer und
das Beispiel seines priesterlichen Lebenswandels mitbedingt ist.
Dieser Gedanke ist so überwältigend, dass er den Saumseligen
eine heilsame Warnung und den Arbeitsfreudigen ein wirksamer
Ansporn sein muss.
Der unermüdliche Prediger und Katechet
Mühe und Beharrlichkeit im Studium
76
Man sagte vom heiligen Johannes Maria Vianney, er sei „allzeit
bereit, den Bedürfnissen der Seelen zu dienen.“ (82) Als guter
Hirt war er auch darin vorbildlich, dass er seinen
Schutzbefohlenen die Nahrung der christlichen Wahrheit in
reicher Fülle darbot. Tatsächlich hat er sein Leben lang als
Prediger und Katechet gewirkt.
77
Um dieser Aufgabe gewachsen zu sein, die das Konzil von Trient
als erste und größte Pflicht bezeichnet, hat er bekanntlich
schwer und unverdrossen gearbeitet. Schon die Studien, die er in
vorgerückten Jahren aufnahm, bereiteten ihm viel Mühe. Und die
ersten Predigten kosteten ihn gar manche durchwachte Nacht.
Welch ein Beispiel für die Verkünder des Gotteswortes! So manch
einer, der das Studium fast ganz vernachlässigt, sucht sich zu
Unrecht mit der geringen Bildung dieses Priesters zu
entschuldigen. Man sollte sich vielmehr die zähe Beharrlichkeit
des Pfarrers von Ars zum Vorbild nehmen, die ihn befähigte,
diese wichtige Aufgabe nach dem Maß seiner Begabung zu erfüllen.
Übrigens war er keineswegs so unbegabt, wie man gemeinhin
behauptet; denn „er verfügte über ein gesundes Urteil und einen
klaren Verstand.“ (83)
Allgemeines und theologisches Wissen
ist verpflichtend
78
Jedenfalls obliegt jedem Priester die Pflicht, sich jenes Maß
von allgemeinen Kenntnissen und theologischem Fachwissen
anzueignen, das seiner Begabung und seinem Amt entspricht. Es
wäre sehr zu wünschen, dass die Seelsorger so viel Fleiß darauf
verwendeten wie der Pfarrer von Ars! Er hat sich bemüht, die
Schwierigkeiten des Studiums zu meistern, sein Gedächtnis zu
stärken und vor allem die Wissenschaft des Kreuzes zu erwerben,
das ja unter allen Büchern das wichtigste ist. Sein Bischof
sagte einmal von ihm zu einigen Lästermäulern: „Ich weiß nicht,
ob er gebildet ist. Jedenfalls ist er von Gott erleuchtet.“ (84)
Glaubensgeist und Gottesliebe
79
Mit vollem Recht hat daher Unser Vorgänger Pius XII. nicht
gezögert, den Predigern der Heiligen Stadt diesen schlichten
Landpfarrer als Vorbild zu empfehlen: „Der heilige Pfarrer von
Ars besaß zwar nicht die angeborene Rednergabe eines Segneri
oder eines Bossuet. Aber seine lebendige, klare und tiefe
Überzeugung, die in seinen Worten mitschwang und aus seinen
Augen leuchtete, gab ihm Gedanken und Bilder ein, die dem
Fassungsvermögen seiner Zuhörer wirklich angepasst waren, und
ließ ihn solch köstliche Vergleiche finden, dass sie sogar einen
heiligen Franz von Sales in Staunen versetzt hätten. Das sind
die Prediger, die das Herz der Gläubigen gewinnen. Wer erfüllt
ist von Christus, findet unschwer Mittel und Wege, um auch
andere zu Christus zu führen.“ (85)
80
Diese Worte enthalten eine wundervolle Charakteristik des
Pfarrers von Ars als Katechet und Prediger. Als dann gegen Ende
seines Lebens die geschwächte Stimme nicht mehr alle Zuhörer zu
erreichen vermochte, da waren es sein flammender Blick, seine
Tränen, seine Seufzer der Gottesliebe und sein schmerzvoller
Ausdruck beim bloßen Gedanken an die Sünde, die auf die
Gläubigen unter der Kanzel tiefen Eindruck machten. Wie hätten
sie auch gleichgültig bleiben können beim Anblick eines Mannes,
dessen Leben so vorbehaltlos Christus geweiht war?
Wertschätzung des Gotteswortes
81
Bis zu seinem seligen Tod oblag der heilige Johannes Maria
Vianney äußerst gewissenhaft der Pflicht der religiösen
Unterweisung seiner Pfarrangehörigen und der Pilgerscharen, die
nach Ars kamen. Er brandmarkte, „Ob gelegen oder ungelegen“
(86), das Böse in all seinen Erscheinungsformen. Aber mit
Vorliebe ermutigte er die Seelen in ihrem Aufstieg zu Gott. Denn
„er zeigte lieber die Schönheit der Tugend als die Hässlichkeit
des Lasters.“ (87) Dieser schlichte Priester hatte die erhabene
Würde der Verkündigung des Gotteswortes in hohem Maß erfasst.
„Der Heiland, der die Wahrheit selber ist - so pflegte er zu
sagen -, schätzt sein Wort nicht geringer als seinen Leib.“
Pflichttreue und Anpassung heute
82
Man begreift daher, dass Unsere Vorgänger mit großer Freude den
Seelsorgern dieses Vorbild zur Nachahmung empfohlen haben. Denn
es ist sicher äußerst wichtig, dass der Klerus die Amtspflicht
der christlichen Unterweisung regelmäßig und peinlich genau
erfüllt. „Diesbezüglich - sagte einmal der heilige Pius X. -
gilt es, mit Nachdruck darauf zu bestehen, dass es für einen
Priester, wer immer er sei, keine wichtigere Aufgabe, keine
strengere Verpflichtung gibt.“ (88)
83
Unsere Vorgänger haben diese Mahnung unermüdlich wiederholt, und
sie ist auch in das Gesetzbuch der Kirche aufgenommen worden.
(89) Unserseits richten Wir sie neuerdings an euch, ehrwürdige
Brüder, anlässlich der Jubiläumsfeier zu Ehren des heiligen
Katecheten und Predigers von Ars.
84
In diesem Zusammenhang loben und fördern Wir die Studien, die in
mehreren Ländern unter eurer Oberaufsicht mit Bedacht und
Klugheit unternommen werden, um die religiöse Bildung der Jugend
wie der Erwachsenen in ihren verschiedenen Formen zu verbessern
und sie den Erfordernissen der Zeit und des Ortes anzupassen.
Diese Bestrebungen sind gewiss nützlich; aber im Verlauf dieses
Gedenkjahres will Gott uns von neuem hinweisen auf die
unwiderstehliche Überzeugungskraft dieses Priesters, der in Wort
und Tat Zeugnis ablegte für Christus den Gekreuzigten, „nicht
durch die Überredungskunst menschlicher Weisheit, sondern durch
den Erweis von Geist und Kraft.“ (90)
Der nie erlahmende Beichtvater
Massenhafter Zulauf von weit und breit
85
Schließlich bleibt noch jene Tätigkeit im seelsorglichen Wirken
des heiligen Johannes Maria Vianney näher zu würdigen, die fast
während seines ganzen Lebens sozusagen sein tägliches Martyrium
war: die Spendung des Bußsakramentes. Als Beichtvater hat er
unermesslichen Segen gestiftet und sich unvergänglichen Ruhm
erworben.
86
„Tag für Tag verbrachte er durchschnittlich fünfzehn Stunden im
Beichtstuhl. Dieser tägliche Dienst an den Seelen begann um ein
oder zwei Uhr in der Frühe und dauerte bis spät in die Nacht
hinein.“ (91) Und als er fünf Tage vor seinem Tod erschöpft
zusammenbrach, kamen die letzten Beichtkinder an sein
Sterbebett. Gegen Ende seines Lebens hat man die Zahl der Pilger
auf achtzigtausend im Jahr geschätzt. (92)
Körperliche und seelische Belastung
87
Man kann sich kaum eine Vorstellung machen von Beschwerden,
Widerwärtigkeiten und Körperqualen, welche dieser Mann in den
endlosen Stunden des Beichthörens ausgestanden hat, war er doch
durch Fasten, Bußwerke und Krankheiten, durchwachte und
schlaflose Nächte bereits sehr geschwächt.
88
Vor allem aber peinigten ihn beklemmende Seelenängste, die ihn
in die Klagen ausbrechen ließen: „Gott wird so schwer beleidigt,
dass man versucht ist, das Ende der Welt herbeizuwünschen !...
Man muss nach Ars kommen, um zu wissen, was die Sünde ist ...
Was da zu tun ist, weiß ich nicht ... Man kann nur weinen und
beten.“
89
Der Heilige hätte noch beifügen können, er nehme freiwillig
einen Teil der Sühne auf sich. Wenn man ihn nämlich deswegen um
Rat fragte, sagte er: „Ich gebe ihnen nur eine kleine Buße; den
Rest übernehme ich selber.“ (93)
Mitleid mit den „armen Sündern“
90
Für die „armen Sünder“, wie er sie nannte, hatte der Pfarrer von
Ars stets ein offenes Herz, weil er von der Hoffnung beseelt
war, sie würden sich bekehren und ihre Sünden bereuen. Auf
dieses Ziel richtete sich sein ganzes Sinnen und Trachten,
darauf verwandte er fast seine ganze Zeit und all seine Kräfte.
(94)
91
Denn aus seiner Erfahrung als Beichtvater kannte er die Bosheit
der Sünde sowie deren verheerende Folgen in den Seelen der
Menschen. Er hat mit Ekel und Abscheu davon gesprochen: „Wenn
wir den Glauben hätten und eine Seele im Zustand der Todsünde
sehen könnten, wir würden sterben vor Schreck.“ (95)
Vermittler der göttlichen
Barmherzigkeit
92
Was ihm jedoch weh tat und heftige Worte entlockte, das war
nicht so sehr die Aussicht auf Höllenstrafen für die verstockten
Sünder, als vielmehr der Schmerz beim Gedanken an die verkannte
und beleidigte Liebe Gottes. Die Herzlosigkeit der Missetaten
und die Undankbarkeit gegen Gottes Güte trieb ihm die Tränen in
die Augen. „Mein Freund, sagte er jeweils, ich weine, weil du
nicht weinst.“ (96)
93
Und doch, mit wie viel Milde und Geduld suchte er in reumütigen
Herzen neue Hoffnung zu wecken! Er scheute keine Mühe, um ihnen
als Vermittler der göttlichen Barmherzigkeit zu dienen, die -
wie er selber sagte – mächtig ist „wie ein überbordender Strom,
der alle Herzen mit sich fortreißt“ (97), und noch weit
zuvorkommender als die besorgte Liebe einer Mutter, „da Gott
rascher bereit ist zu verzeihen, als eine Mutter, um ihr Kind
aus den Flammen zu retten“ (98)
Wertschätzung der öfteren Beichte
94
Möge das Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars die Beichtväter
und Seelenführer anspornen, dieser verantwortungsvollen
Amtspflicht mit Beflissenheit und mit der nötigen Sachkenntnis
nachzukommen. Denn vor allem im Bußsakrament triumphiert
schließlich die göttliche Barmherzigkeit über die menschliche
Bosheit. Hier werden die Menschen von Sündenschuld befreit und
mit Gott versöhnt.
95
Ferner erinnern Wir daran, dass Unser Vorgänger Pius XII. „mit
ernsten Worten“ die Meinung verworfen hat, wonach der öfteren
sakramentalen Beichte der lässlichen Sünden nur ein geringer
Wert zukomme. Dazu hat er sich wie folgt geäußert: „Zum
täglichen eifrigen Fortschritt auf dem Weg der Tugend möchten
Wir den frommen Brauch der öfteren Beichte angelegentlichst
empfohlen wissen, der nicht ohne den Antrieb des Heiligen
Geistes in der Kirche eingeführt wurde.“ (99)
96
Zugleich geben Wir der Hoffnung Ausdruck, die Priester möchten
allen voran, gemäß der kanonischen Vorschrift, (100) dem
regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes treu sein, das ein
notwendiges Mittel ist zu ihrer persönlichen Heiligung. Wir
ersuchen sie, mit der gebührenden Ehrfurcht in die Tat
umzusetzen, was Pius XII. in seinen inständigen Mahnworten
diesbezüglich mehrmals „wehen Herzens“ eingeschärft hat. (101)
Schlussworte
An alle Priester: die hohe Sendung
verpflichtet
97
Zum Schluss wollen Wir, ehrwürdige Brüder, Unserer tröstlichen
Hoffnung Ausdruck verleihen, es möge diese Zentenarfeier mit
Gottes Gnadenhilfe in jedem Priester das Verlangen wecken,
seinem heiligen Dienst noch eifriger und großmütiger zu
obliegen, insbesondere „der ersten Pflicht des Priesters, Wir
meinen die Pflicht, nach persönlicher Heiligung zu streben“.
(102)
98
Wenn Wir auf der Hochwarte des obersten Hirtenamtes, zu dem Wir
durch den unergründlichen Ratschluss der göttlichen Vorsehung
berufen wurden, Ausschau halten nach dem Hoffen und Sehnen der
Menschen, nach so vielen Ländern der Welt, welche der
Frohbotschaft Jesu Christi noch nicht erschlossen sind, oder
nach den unzähligen Bedürfnissen der Christenheit, dann schwebt
Uns immer wieder das Bild des Priesters vor Augen.
99
Gäbe es keine Priester oder fiele ihr tägliches Wirken aus, was
nützten dann alle apostolischen Bestrebungen, selbst jene, die
unserer Zeit am besten zu entsprechen scheinen? Was vermöchten
selbst jene Männer auszurichten, die im Laienapostolat ihre
Hilfsdienste großmütig zur Verfügung stellen?
100
An alle Priester also, die Wir tief ins Herz geschlossen haben
und von denen die Kirche so viel erwartet, richten Wir im Namen
Jesu Christi die väterliche Einladung, sie möchten allen
Anforderungen ihrer erhabenen Stellung in der Kirche mit
unverbrüchlicher Treue entsprechen.
101
Dieser Einladung sollen die Worte des heiligen Pius X. Nachdruck
verleihen: „Um das Reich Jesu Christi in der Welt auszubreiten,
ist nichts notwendiger als ein heiliger Klerus, der mit
Beispiel, Wort und Wissen den Christgläubigen den Weg weisen
kann.“ (103)
102
Damit stimmt genau überein, was der heilige Johannes Maria
Vianney einst zu seinem Bischof sagte: „Wenn Sie Ihre Diözese
bekehren wollen, dann müssen Sie aus jedem Pfarrer einen
Heiligen machen.“
An die Bischöfe: die Vatersorge für
die Priester
103
Euch, ehrwürdige Brüder, obliegt an erster Stelle die schwere
Verantwortung für die Heiligkeit eures Klerus. Darum möchten Wir
euch dringlich ersuchen, diesen geliebten Söhnen eure
zuvorkommende Aufmerksamkeit zu schenken, falls sie in ihrem
persönlichen Leben oder in der Erfüllung ihrer Amtspflichten mit
ernsthaften Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
104
Wie viel vermag nicht ein Bischof, der seine Priester liebt und
ihr Vertrauen besitzt; der sie wirklich kennt, sich liebevoll
ihrer annimmt und sie mit ebenso starker wie väterlicher Hand
leitet!
105
Wenn zwar die Hirtensorge für die ganze Diözese auf euren
Schultern liegt, so müsst ihr doch eure ganz besondere Fürsorge
jenen Männern angedeihen lassen, die durch die Priesterweihe
eure engsten Mitarbeiter geworden sind und durch heilige Bande
eurem Herzen nahe stehen.
An alle Gläubigen: Ehrfurcht und
Unterstützung
106
Auch an alle Gläubigen richten Wir aus Anlass dieser
Jahrhundertfeier die väterliche Mahnung, inständig für ihre
Priester zu beten und sie dadurch auf dem Weg zur Vollkommenheit
zu unterstützen.
107
Die eifrigen Christen blicken heute voller Erwartungen zum
Priester auf. In einer Welt, wo die Macht des Geldes, die
Verlockungen zur Sinnenlust und die Überschätzung der Technik
weit und breit Triumphe feiern, wollen die Menschen im Priester
einen Mann sehen, der im Namen Gottes spricht, der von starkem
Glauben und selbstloser Nächstenliebe beseelt ist.
108
Alle Gläubigen sollen daher bedenken, wie viel sie zur
Verwirklichung dieses hohen Ideals beitragen können, wofern sie
nur der Würde des Priesters die gebührende Ehrerbietung
erweisen, der schwierigen Aufgabe der Seelsorger das nötige
Verständnis entgegenbringen und ihnen ihre Dienste stets
williger zur Verfügung stellen.
An die Jugend
a) Dem Ruf Gottes Gehör schenken
109
Schließlich drängt es Uns, der Jugend ein besonders väterliches
Wort zu widmen. Ihr gehört Ja Unsere ganze Liebe und auf sie
setzt die Kirche große Hoffnungen für die Zukunft.
110
„Die Ernte ist reich, aber es fehlt an Arbeitern.“ (104) In
vielen Ländern sind die Boten des Evangeliums durch ihre Arbeit
aufgerieben und warten sehnlichst auf Ablösung. Ganze Völker
leiden Hunger, mehr noch nach seelischer als nach leiblicher
Nahrung. Wer wird ihnen das Brot des Lebens und der Wahrheit
brechen?
111
Wir wollen zuversichtlich hoffen, dass die Jugend heute nicht
weniger als früher dem Ruf des göttlichen Meisters zur Mitarbeit
an diesem heilsnotwendigen Werk hochherzig Folge leisten wird.
Größe und Schönheit des Priesterideals
112
Gewiss, das Leben der Priester ist oft schwer. Kein Wunder, sind
sie doch vor allen anderen der Arglist und den Verfolgungen der
Kirchenfeinde ausgesetzt. Ganz richtig bemerkte der Pfarrer von
Ars: Wer die Religion ausrotten will, greift in seinem Hass
zuerst die Priester an.
113
Aber selbst inmitten dieser harten Anfechtungen schöpfen die
eifrigen Priester tiefes und wahres Glück aus dem Bewusstsein
ihrer Sendung. Vom Herrn und Heiland sind sie dazu berufen,
einer hochheiligen Sache zu dienen: der Rettung der Seelen und
dem Wachstum des mystischen Leibes Christi.
Verantwortung der Eltern
Daher
sollen die christlichen Familien es als ihre Ehrenpflicht
betrachten, der Kirche Priester zu schenken, indem sie ihre
Söhne freudig und dankbar zum heiligen Dienst anbieten.
114
Da Wir wissen, dass Wir mit diesem Aufruf auch euch, ehrwürdige
Brüder, aus der Seele sprechen, erübrigt es sich, länger dabei
zu verweilen. Wir sind überzeugt, dass ihr Unsere Besorgnis und
deren Dringlichkeit vollauf begreift und nach Kräften mit Uns
teilt. Wir empfehlen indessen dieses außerordentlich wichtige
Anliegen, das in enger Beziehung steht zum ewigen Heil
unzähliger Seelen, der mächtigen Fürbitte des heiligen Johannes
Maria Vianney.
Zuflucht zur seligsten Jungfrau Maria
Die Botschaft von Lourdes
115
Und nun blicken Wir auf zur makellos empfangenen Gottesmutter.
Kurz bevor der heilige Pfarrer von Ars nach einem langen,
verdienstvollen Leben starb, war die Jungfrau Maria in einer
anderen Gegend Frankreichs einem unschuldigen Mädchen aus dem
Volk erschienen, um ihm einen mütterlichen Mahnruf zu Gebet und
Buße anzuvertrauen. Heute noch, nach Ablauf eines Jahrhunderts,
erschüttert diese hehre Botschaft die Herzen der Menschen und
findet in aller Welt ein unermessliches Echo.
Das Beispiel von Ars
116
Nun hatte jener heiliggesprochene Priester, dessen hundertsten
Todestag wir feierlich begehen, durch seine Taten und Worte die
in Lourdes verkündete Glaubenswahrheit schon zum voraus mit
begnadetem Seherblick in helles Licht gestellt. Da er selber die
Unbefleckte Empfängnis Mariä kindlich verehrte, hat er ihr
bereits 1836 seine ganze Pfarrei geweiht und im Jahre 1854 die
feierliche Verkündigung dieses Dogmas mit gläubiger Ehrfurcht
und jubelndem Herzen aufgenommen. (105)
Segen dieses Doppeljubiläums
117
In tiefer Dankbarkeit gegen Gott verbinden Wir diese beiden
Jahrhundertfeiern von Lourdes und von Ars, die dank einer Fügung
der Vorsehung kurz aufeinander folgen. Sie bedeuten eine hohe
Ehre für jene Unserem Herzen überaus teure Nation, die sich
rühmen kann, diese heiligen Stätten ihr eigen zu nennen.
118
Eingedenk der bereits empfangenen Wohltaten und im
zuversichtlichen Vertrauen, dass Uns wie auch der ganzen Kirche
neue Gnaden zufließen werden, machen Wir Uns das bevorzugte
Gebet des Pfarrers von Ars zu eigen: „Gepriesen sei die
Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und
Gottesmutter Maria. Alle Völker und Länder der Erde mögen Dein
unbeflecktes Herz lobpreisen, anrufen und verherrlichen.“ (106)
Erwartung und Segen des Papstes
119
Wir hoffen bestimmt, dass diese Zentenarfeier zu Ehren des
heiligen Johannes Maria Vianney überall auf Erden die Priester
und Priesteramtskandidaten in der Treue zur Berufsgnade
neuerdings bestärken wie auch das Interesse aller Gläubigen für
die Belange des Priesterlebens und Seelsorgerwirkens nachhaltig
steigern werde. Darum erteilen Wir allen und jedem einzelnen,
insbesondere euch, ehrwürdige Brüder, als Unterpfand der
göttlichen Gnaden und zum Zeichen Unseres Wohlwollens, in
herzlicher Liebe den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei
St. Peter, am 1. August 1959,
im ersten Jahr Unseres
Pontifikates.
Johannes XXIII. PP.
Anmerkungen
(1) JOHANNES XXIII.,
Rundschreiben zum hundertsten Todestag des heiligen Johannes
Maria Vianney. AAS LI (1959) 545-579.
(2) PlUS XI., Homilie
Praeclaram Nobis bei der Heiligsprechung des hl. Johannes M.
Vianney und des hl. Johannes Eudes, am 31. Mai 1925 AAS XVIl
(1925) 224.
(3) PlUS XI.,
Apostolisches Schreiben Anno jubilari vom 23. April 1929. AAS
XXI (1929) 313.
(4) PlUS X., Mahnwort an
den katholischen Klerus anlässlich seines fünfzigsten
Priesterjubiläums, vom 4. August 1908. Acta Pii X., Bd. IV,
237-264; ASS XLI (1908) 555-577. Vgl. oben Nm. 67-101.
(5) PlUS XI.,
Rundschreiben über das katholische Priestertum, vom 20. Dezember
1935. AAS XXVIlI (1936) 5-53. Vgl. oben Nm. 1-66.
(6) PlUS XII.,
Apostolische Ermahnung über die Förderung der Heiligkeit des
Priesterlebens, vom 23. September 1950. AAS XLII (1950) 657-702.
Vgl. oben Nm. 125-216. .
(7) PlUS XII.,
Ansprache
Quidnam sit
an die Kardinäle und Bischöfe nach der Heiligsprechung Papst
Pius' X., gehalten am 31. Mai 1954. AAS XLVI (1954) 313-317 und
666-677.
(8) PlUS XII., Ansprache
Sull´esemplo an die Theologen des Regionalseminars von Apulien,
vorbereitet für den 19. Oktober 1958. AAS L (1958) 966-967.
(9) Römisches
Pontifikale, Priesterweihe. Vgl. Joh. xv 15.
(10) PlUS X., Mahnwort
Haerent animo an den katholischen Klerus, vom 4. August 1908.
Acta Pii X., Bd. IV, 238. Vgl. oben Nr. 68.
(11) Römisches Missale,
Oration der Messe am Fest des hl. Johannes M. Vianney (9.
August).
(12) VgI. Vatikanisches
Geheimarchiv, Ritenkongregation, Prozessakten Bd.227, S.196.
(13) PlUS XII.,
Ansprache Annus sacer vom 8. Dezember 1950 an den ersten
Delegiertenkongress der religiösen Orden, Kongregationen,
Gesellschaften und Weltlichen Institute in Rom. AAS XLIII (1951)
29. VgI. HK Nr.1422.
(14) PlUS XII., ebd.
(15) THOMAS VON AQUIN,
Sumo theol. 11-11 q. 184 a. 8 in C.
(16) PlUS XII.,
Ansprache anlässlich der Zentenarfeier des Séminaire Pontifical
Français de Rome, 16. April 1953. AAS XLV (1953) 288.
(17) Matth. 17,24.
(18) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd.227, S.42. - Alle Zeugenaussagen sowie sämtliche
Worte des Pfarrers von Ars werden hier nicht nach der
lateinischen Übersetzung des AAS, sondern nach der französischen
Originalfassung widergegeben (Anmerkung der Herausgebers).
(19) Vgl. ebd., Bd. 227,
S.137.
(20) Vgl. ebd., Bd. 227,
S. 92.
(21) Vgl. ebd., Bd.
3897, S. 510.
(22) Vgl. ebd., Bd. 227,
S. 334.
(23) Vgl. ebd., Bd. 227,
S. 305.
(24) PlUS XI.,
Rundschreiben Divini Redemptoris über den gottlosen Kommunismus,
vom 19. März 1937. AAS XXIX (1937)99. VgI. MG Nr.228.
(25) PlUS XI.,
Rundschreiben Ad catholici sacerdotii. AAS XXVIII (1936)28. VgI.
oben Nr.34.
(26) Cod. iur. can. c.
1473.
(27) VgI. Sermons du B.
Jean B. M. Vianney, Bd. I (1909) 364.
(28) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S.91.
(29) Beda Venerabilis,
InLuc. Ev. Expositio, IV ,inc. 12. PL 92,494-495.
(30) Vgl.Lk 10,7
(31) Vgl. PlUS XII.,
Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 697-699.
Vgl. oben Nm. 210-212.
(32) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S. 91.
(33) Thomas von Aquin,
Summa theologiae II-II q. 184 a. 8 in C.
(34) PlUS X., Mahnwort
Haerent animo. Acta Pii X., Bd. IV, 260. Vgl. oben Nr. 97.
(35) Vgl. PlUS XII.,
Rundschreiben Sacra Virginitas über die gottgeweihte
Jungfräulichkeit, vom 25. März 1954. AAS XLVI {1954) 161-191.
(36) Vgl. Vatik.
Geheirnarch., Bd. 3897, S. 536.
(37) Vgl. 1 Kor 9,27
(38) Vgl. Vatik.
Geheirnarch., Bd. 3897, S. 304.
(39) Hier wie noch an
anderen Stellen fehlt in den AAS der Quellenverweis (Anmerkung
des Herausgebers).
(40) PlUS XI.,
Rundschreiben Ad catbolici sacerdotii. AAS XXVIII (1936) 28.
Vgl. oben Nr. 33.
(41) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227; S. 29.
(42) Vgl. ebd., Bd.227,
S.74.
(43) Vgl. ebd., Bd. 227,
S.39.
(44) Vgl. ebd., Bd.
3895, S.153.
(45) Lk 10,16
(46) PlUS XII.,
Ermahnung In auspicando an den einheimischen Klerus. AAS XL
(1948) 375.
(47) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227,5.136.
(48) Vgl. ebd., Bd.
227,5.33.
(49) Vgl. PlUS XII.,
Discorsi e Radiomessaggi di 55. Pio XII.,Bd.14, 452.
(50) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S.131.
(51) Vgl. ebd., Bd. 227,
S.1100.
(52) Vgl. ebd., Bd.227,
S.54.
(53) Vgl. ebd., Bd. 227,
S.45.
(54) Vgl. ebd., Bd. 227,
S. 29.
(55) Vgl. ebd., Bd.227,
S. 976.
(56) Cod. iur. can. c.
125.
(57) Ebd. c.135.
(58) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S.36.
(59) Plus X., Mahnwort
Haerent animo. Acta Pii X., Bd. IV, 248-249. Vgl. oben Nr. 80.
(60) PlUS XII.,
Ansprache Sollemnis conventus vom 24. Juni 1939. AAS XXXI.
(1939) 249. Vgl. oben Nr. 225.
(61) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S.1103.
(62) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S. 45.
(63) Vgl. ebd., Bd. 227,
S. 459.
(64) PlUS XII.,
Handschriftliche Botschaft Nous sommes présent zum 16.
Eucharistischen Kongreß in Rennes (Frankreich), vom 25. Juni
1956. AAS XLVIII (1956) 579.
(65) Pius XII.;
Ansprache La paterna parola an die Pfarrherren und
Fastenprediger der Stadt Rom, vom 13. März 1943. AAS xxxv (1943)
114-115.
(66) Röm 12,1
(67) PlUS XII.,
Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 666-667.
Vgl. oben Nm. 143 und 145.
(68) Ebd., S. 667-668.
Vgl. oben Nr. 147.
(69) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd.227, S. 319.
(70) Vgl. ebd., Bd.227,
S. 47.
(71) Vgl. ebd., S. 667 -
668.
(72) PlUS XII.,
Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLll (1950) 676. Vgl.
oben Nr. 166.
(73) Joh 15,5
(74) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S. 629.
(75) Vgl. ebd., Bd. 227,
S. 15.
(76) Vgl. Sermones du B.
Jean B. M. Vianney, Bd. II (1909) 86.
(77) Vgl. Vatik.
Geheimarchiv., Bd. 227, S. 1210.
(78) Vgl. ebd., S. 53.
(79) Vgl. ebd., S. 991.
(80) Vgl. ebd., S. 53.
(81) Vgl. ebd., S. 1002.
(82) Vgl. ebd., S. 580.
(83) Vgl. ebd., Bd.
3897,S. 444.
(84) Vgl. ebd., Bd.
3897, S. 272.
(85) PlUS XII.,
Ansprache Ci torna sempre an die Pfarrherren und Fastenprediger
der Stadt Rom, vom 16. März 1946. AAS XXXVIII (1946) 186. 2 Tim.
4, 2.
(86) 2 Tim 4,2
(87) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S.185.
(88) PlUS X.,
Rundschreiben Acerbo nimis. Acta Pii X., Bd. 11,75.
(89) Cod. iur. can.
c.1330-1332.
(90) 1 Kor 2,4
(91) VgI. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S. 18.
(92) VgI. ebd.
(93) VgI. ebd., S. 1018.
(94) Vgl. ebd., S. 18.
(95) Vgl. ebd., S. 290.
(96) Vgl. ebd., S. 999.
(97) Vgl. ebd., S. 978.
(98) Vgl. ebd., Bd.
3900, S. 1554.
(99) PlUS XII.,
Rundschreiben Mystici Corporis vom 29. Juni 1943. AAS xxxv
(1943) 235. Vgl. HK Nr.827.
(100) Cod. iur. can. c.
125 § 1.
(101) Vgl. PlUS XII.,
Rundschreiben Mystici Corporis. AAS XXXV (1943) 235. Vgl. HK Nr.
827; Rundschreiben Mediator Dei vom 20. November 1947. AAS XXXIX
(1947) 585. Vgl. HK Nr.354; Apostolische Ermahnung Menti Nostrae.
AAS XLII (1950) 674. Vgl. oben Nr.161.
(102) Pros XII.,
Apostolische Ermahnung Menti Nostrae. AAS XLII (1950) 677. VgI.
oben Nr.168.
(103) PlUS X., Schreiben
La ristorazione. Acta Pii X., Bd. I, 257.
(104) Mt 9,37
(105) Vgl. Vatik.
Geheimarch., Bd. 227, S. 90.
(106) Vgl. ebd., Bd.
227,S. 1021.
(Quelle:
Sacerdotis Imago, Päpstliche Dokumente über das Priestertum von
Pius X. bis Johannes XXIII., in deutscher Fassung herausgegeben
von Anton Rohrbasser, Paulinusdruckerei Freiburg Schweiz 1962,
S.209-251; Imprimatur Friburgi Helv., die 3 Februarii 1962 R.
Pittet; Lateinischer Text: AAS LI [1959] 545-579) |