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Jean Marie
Baptiste Vianney, »Pfarrer von Ars«, katholischer Geistlicher,
Heiliger, * 8.5. 1776 in Dardilly (Dept. Rhône), † 4.8. 1859 in
Ars-enDombes (Dept. Ain).
V., viertes von
sechs Kindern des Matthieu Vianney und der Marie Beluse († 8.2.
1811), wuchs in bäuerlich ärmlichen Verhältnissen auf; auf den
Großvater V.s ging die häusliche praxis caritatis zurück, die
über die Revolutionswirren anhielt. Schon als Kind soll sich V.
zur Marienfrömmgikeit hingezogen gefühlt haben, doch erst
neunzehnjährig darf V. seiner Neigung, Priester zu werden,
nachgehen und die Pfarrschule von Abbé Balley († 17.12. 1817) in
Écully besuchen. Unklar ist, ob V. sich dem Militärdienst durch
Desertion entzogen hat; zumindest verbringt er das Jahr 1810 in
Les Noës als Dorfschullehrer. 1811 bezieht V. zunächst das
Seminar in Verrières, ab Oktober 1813 das Seminar von
Saint-Irénée. Seine Lernerfolge sind eher mäßig; V. hat große
Schwierigkeiten mit der
lateinischen
Sprache, doch dank der Förderung und Hilfe Balleys besteht V.
die Examina und empfängt am 2.7. 1814 in Lyon die Subdiakonats-,
am 23.6. 1815 dann, nach nochmaligem Seminarbesuch, die
Diakonatsweihe.
Am 13.8.
schließlich wurde V. in Grenoble zum Priester geweiht und Balley
in Écully adjungiert. Am 9.2. 1818 traf auf der burgundischen
Pfarrstelle Ars-en-Dombes bei Trévoux, einer
240-Seelen-Gemeinde, ein, wo er in freiwilliger Armut,
Flagellation und asketischer Nahrungsaufnahme lebt. V.s
pastorales Anliegen, das ihn schon früh zum Priesteramt bewog,
ist die Seelenrettung in sittenarmer Zeit und in einer sündigen
Welt und ihre Hinführung zur Liebe Gottes durch unablässiges
Gebet. Bereits 1818 ruft V. die Rosenkranzbruderschaft ins
Leben, der später die eucharistische folgt. Zur christlichen
Erziehung von Halb- und Vollwaisen gründet V. ein Rettungshaus
(La Providence). Gasthäusern und Tanzveranstaltungen steht V.
feindlich gegenüber; Beichte, moralischer Predigt, Katechese und
Kommunion schreibt V. dagegen zentrale Bedeutung zu.
Seit etwa 1826
wird Ars zum Pilgerort; ab etwa 1830 kommen täglich Hunderte, um
den Prediger V. zu hören und bei ihm die Beichte abzulegen, und
im Sterbejahr V.s soll der jährliche Pilgerstrom auf 100.000
Menschen angewachsen sein. Überliefert wird, daß V. bis zu
vierzehn Stunden täglich im Beichtstuhl saß, daneben aber noch
Krankenbesuche machte und Religionsunterricht erteilte.
Zahlreiche Speisungs- und Heilungswunder werden V.
zugeschrieben, der darüberhinaus auch noch seherische
Fähigkeiten besessen haben soll. Mag an diesen Auskünften auch
manches hagiographische Topik sein, die in deutlicher Nähe zur
Ende der 1840er Jahre einsetzenden wundergläubigen
Marienverehrung der weinenden Gottesmutter im savoyardischen La
Salette angesiedelt ist, der V. (übrigens ganz im Gegensatz zum
Abbé Raymond, der V. zur Entlastung zugeteilt worden war) jedoch
deutlich distanziert gegenüberstand, so ist doch unumstritten,
daß V. über divinatorische Fähigkeiten verfügte, die ihm
intuitiven Zugang zur seelischen Disposition seiner Beichtkinder
ermöglichten und ihn als Restaurator des Bußsakraments und der
eucharistischen Frömmigkeit prädestinierten.
V., der sich in
seinen letzten Lebensjahren den Franziskaner-Tertiariern
anschloß und zum Kanonikus ernannt worden war, wurde mit dem
Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet; seinen rigoros asketischen
Lebensgewohnten als eigene Grundbestimmung der
Seelsorgefähigkeit entspricht die Überlieferung, daß V. die
Auszeichung veräußerte und den Erlös karitativen Aufgaben
zuführte.
V., von Pius IX. (s.d.)
1872 für verehrungswürdig erklärt, wurde am 8.9. 1904 im
Ergebnis des Ende 1862 eingeleiteten und im März 1865
abgeschlossenen Ordinariatsprozesses selig-,
am 31.5. 1925 von Pius X. (s.d.) heiliggesprochen. Auf Anregung
von Paul Wernle (s.d.) beschäftigte sicht Eduard Thurneysen (s.d.)
mit V.s Biographie; ungleich stärker als im deutschsprachigen
Raum ist jedoch V.s Nachleben in der Memorialüberlieferung
Frankreichs, das sich von den zahlreichen hagiographischen
Publikationen bis hin zum Priesterbild und der literarischen
Reflexion von V.s Seelsorgepraxis bei Léon Bloy (11.7. 1846 -
3.11. 1917) und Georges Bernanos (s.d.) sowie dem Schaffen des
Filmregisseurs Robert Bresson (* 25.9. 1907) niederschlägt.
Bernanos und Bloys repräsentieren dabei wirkungsgeschichtlich
das schon zu V.s Lebzeiten konkurrierende Verhältnis von Ars und
La Salette als Kristallisationspunkte zweier unterschiedlicher
Katholizismustypen in Frankreich nach 1848. - V., 1850 zum
Ehrendomherren und 1855 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, wird
als Patron der Weltgeistlichen verehrt; seinen Festtag begeht
die römisch-katholische Kirche am 4. August.
(Quelle: BBKL XII,
Sp. 1325-1328) |