»Treue in Christus, Treue des Priesters«
Jahr des Priesters ~ 19. Juni 2009 bis 11. Juni 2010

 

Katechese S.H. Papst Benedikt XVI. : »Autorität in der Kirche ist nur als Dienst am Menschen zu rechtfertigen« (26.05.2010)

Katechese S.H. Papst Benedikt XVI.: »Der Priester als Mystagoge« (05.05.2010)

Katechese S.H. Papst Benedikt XVI.: »Der Priester als Lehrer« (14.04.2010)

Brief an die Priester: »Bedenke, was Du tust, ahme nach, was Du vollziehst, und stelle Dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes« (27.03.2010)

Brief an die Priester: »Allmächtiger Gott, wir bitten dich: gib deinen Knechten die priesterliche Würde.« (15.01.2010)

Brief an die Priester »Der Priester soll ein
Mann des Gebetes sein« (09.12.2009)

Brief an die Priester »Versprichst Du mir und
meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?
« (18.11.2009)

Brief an die Priester »Du hast mich betört, o Herr,
und ich ließ mich betören« (15.10.2009)

Der Pfarrer von Ars - Leuchtturm für uns (24.09.2009)

Brief an die Priester »Digne et Sapientier« (12.09.2009)

Interview »Der Priester und die Herausforderungen des 21. Jhdts.«

Brief an die Priester »Pie et Fideliter« (15.08.2009)

Brief an die Priester »Die Heiligkeit ist immer Aktuell« (04.08.2009)

Brief an die Priester »Jesus sagte: Ich bin nicht gekommen,
um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten (Joh 12,47)« (01.08.2009)

»Es ist unsere Würde, dass wir zur Herde Gottes gehören!«:
Vortrag von Weihbischof em. Dr. Klaus Dick

Vor dem Tun kommt das Sein: Zur Identität des Priesters

Brief an die Priester »Das Jahr des Priesters« (27.05.2009)

 

 

 

 

 

Ein spontaner Papst Benedikt XVI. referierte in der Generalaudienz vom 26. Mai 2010 über das Herzstück des priesterlichen Dienstes: Mit der Weihe bekommt der geweihte Mensch Anteil an Christi Vollmacht oder Autorität, aber kirchliche Autorität sei nur glaubwürdig in gehorsamer Freundschaft zu Christus. „Die kulturellen, politischen und geschichtlichen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, vor allem die Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Ost- und Westeuropa, haben den Menschen von heute gegenüber dem Begriff der Autorität misstrauisch werden lassen", so der hl. Vater. „Die Kirche ist dazu berufen und setzt sich dafür ein, diese Art von Autorität auszuüben, die Dienst ist, und sie übt sie nicht aus eigener Vollmacht aus, sondern im Namen Christi, der vom Vater alle Macht im Himmel und auf der Erde empfangen hat. (vgl. Mt 28,18)".

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Priesterjahr geht zu Ende; daher hatte ich in den letzten Katechesen damit begonnen, über die wesentlichen Aufgaben des Priesters zu sprechen, das heißt: die Aufgaben der Lehre, der Heiligung und der Leitung. Ich habe bereits zwei Katechesen gehalten, eine über den Dienst der Heiligung, dabei vor allem über die Sakramente, und eine über die Aufgabe der Lehre. Somit bleibt für heute, über die Sendung des Priesters der Regierung, der Leitung des ihm anvertrauten Teiles des Volkes Gottes zu sprechen, dies mit der Vollmacht Christi, nicht mit der eignen.
Wie soll man in der zeitgenössischen Kultur eine derartige Dimension verstehen, die den Begriff der Vollmacht impliziert und ihren Ursprung im Auftrag des Herrn hat, seine Herde zu weiden? Was ist für uns Christen eigentlich Vollmacht? Die kulturellen, politischen und geschichtlichen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, vor allem die Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Ost- und Westeuropa, haben den Menschen von heute gegenüber dem Begriff der Autorität misstrauisch werden lassen. Ein Misstrauen, das sich nicht selten darin umsetzt, die Notwendigkeit der Abschaffung jeder Autorität zu behaupten, die nicht ausschließlich von den Menschen kommt und ihnen unterstellt oder von ihnen kontrolliert wird.

Gerade aber der Blick auf die Regimes, die im vergangenen Jahrhundert Schrecken und Tod säten, ruft kraftvoll in Erinnerung, dass die Autorität in jedem Bereich, wenn sie ohne einen Bezug auf die Transzendenz ausgeübt wird, wenn sie von der höchsten Autorität absieht, die Gott ist, unweigerlich dabei endet, sich gegen den Menschen zu richten.

So ist es wichtig anzuerkennen, dass die menschliche Autorität nie ein Ziel, sondern immer und allein ein Mittel ist, und dass notwendigerweise in jedem Zeitalter das Ziel immer die von Gott mit einer unantastbaren Würde geschaffene Person ist, die dazu berufen ist, in eine Beziehung mit ihrem Schöpfer zu treten, sowohl auf dem Weg des Lebens hier auf Erden als auch im ewigen Leben. Eine derart verstandene Autorität, deren einziger Zweck darin besteht, dem wahren Wohl der Menschen zu dienen und ein Durchscheinen des einen höchsten Gutes zu sein, das Gott ist, ist dem Menschen nicht nur nicht fremd, sondern bildet im Gegenteil eine wertvolle Hilfe auf dem Weg hin zur vollen Verwirklichung in Christus, zum Heil.

Die Kirche ist dazu berufen und setzt sich dafür ein, diese Art von Autorität auszuüben, die Dienst ist, und sie übt sie nicht aus eigener Vollmacht aus, sondern im Namen Christi, der vom Vater alle Macht im Himmel und auf der Erde empfangen hat. (vgl. Mt 28,18). Durch die Hirten der Kirche nämlich weidet Christus seine Herde: er ist es, der sie führt, schützt, korrigiert, da er sie zutiefst liebt.

Doch Jesus, der Herr, der oberste Hirt unserer Seelen, hat gewollt, dass das Apostolische Kollegium, heute die Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, und die Priester als deren wertvollste Mitarbeiter an dieser seiner Sendung Anteil haben, sich um das Volk Gottes zu kümmern und Erzieher im Glauben zu sein, indem sie der christlichen Gemeinde Orientierung geben, sie beseelen und stützen und „dafür sorgen, dass jeder Gläubige im Heiligen Geist angeleitet wird zur Entfaltung seiner persönlichen Berufung nach den Grundsätzen des Evangeliums, zu aufrichtiger und tätiger Liebe und zur Freiheit, zu der Christus uns befreit hat" (Presbyterorum ordinis, 6). Jeder Hirt ist somit das Mittel, durch das Christus selbst die Menschen liebt: durch unseren Dienst, liebe Priesters, durch uns erreicht der Herr die Seelen, durch uns unterweist, bewahrt und leitet er sie. Der heilige Augustinus sagt in seinem Kommentar zum Johannesevangelium: „Es sei ein Erweis der Liebe, die Herde des Herrn zu weiden" (Tractatus in Iohannis Evangelium 123,5): das ist oberste Verhaltensnorm der geweihten Diener Gottes, eine bedingungslose Liebe, wie jene des Guten Hirten, voller Freude, offen für alle, aufmerksam gegenüber den Nahestehenden und fürsorglich mit den Fernen (vgl. Augustinus, Ansprache 340,1; 46,15), zart zu den Schwächsten, den Kleinen, den Einfachen, den Sündern, um die unendliche Barmherzigkeit Gottes mit ermutigenden Worten der Hoffnung zu offenbaren (vgl. ders., Brief 95,1).

Wenngleich diese seelsorgliche Aufgabe im Sakrament gründet, so ist dennoch ihre Wirksamkeit nicht vom persönlichen Leben des Priesters unabhängig. Um ein Hirt nach dem Herzen Gottes zu sein (vgl. Jer 3,15) bedarf es einer tiefen Verwurzelung in der lebendigen Freundschaft mit Christus, nicht allein der Intelligenz, sondern auch der Freiheit und des Willens, eines klaren Bewusstseins der durch die Priesterweihe empfangenen Identität, einer bedingungslosen Bereitschaft, die einem anvertraute Herde dort hinzuführen, wohin der Herr will, und nicht in die Richtung, die dem Anschein nach angemessener oder leichter ist.

Dies erfordert vor allem die ständige und fortschreitende Bereitschaft es zuzulassen, dass Christus selbst das priesterliche Dasein der Priester leitet. Keiner nämlich ist wirklich imstande, die Herde Christi zu weiden, wenn er nicht einen tiefen und wahren Gehorsam gegenüber Christus und der Kirche lebt, und die Fügsamkeit des Volkes gegenüber seiner Priester hängt von der Fügsamkeit der Priester gegenüber Christus ab; aus diesem Grund steht an der Basis des pastoralen Dienstes stets die persönliche und anhaltende Begegnung mit dem Herrn, dessen tiefe Kenntnis, die Angleichung des eigenen Willens an den Willen Christi.

In den letzten Jahrzehnten wurde oft das Adjektiv „pastoral" gleichsam im Gegensatz zum Begriff „hierarchisch" benutzt, wie auch innerhalb derselben Entgegensetzung die Vorstellung von „Gemeinschaft" interpretiert worden ist. Das ist vielleicht der Punkt, bei dem eine kurze Anmerkung zum Wort „Hierarchie" nützlich sein kann, welches die traditionelle Bezeichnung der sakramentalen Autoritätsstruktur in der Kirche ist, die entsprechend den drei Stufen des Weihesakraments geordnet ist: Episkopat, Priesterschaft und Diakonat. In der öffentlichen Meinung sind hinsichtlich dieser „hierarchischen" Wirklichkeit das Element der Unterordnung und das juridische Element vorherrschend; daher scheint vielen die Vorstellung einer Hierarchie im Gegensatz zur Flexibilität und Vitalität des pastoralen Sinnes zu stehen und auch der Demut des Evangeliums zu widersprechen. Doch dies ist ein schlecht verstandener Sinn von Hierarchie, der in der Geschichte auch durch Missbrauch der Autorität und Karrierestreben verursacht worden ist, die, wie gesagt, Missbräuche sind und nicht dem Sein selbst der „hierarchischen" Wirklichkeit entstammen. Die allgemeine Meinung lautet, dass „Hierarchie" immer etwas ist, das an Vorherrschaft gebunden ist und so nicht dem wahren Sinn der Kirche, der Einheit in der Liebe zu Christus entspricht. Wie ich aber gesagt habe, ist diese Interpretation falsch; sie hat ihren Ursprung in innerhalb der Geschichte aufgetretenen Missbräuchen, aber entspricht nicht der wahren Bedeutung dessen, was Hierarchie ist. Beginnen wir mit dem Wort. Es wird im Allgemeinen gesagt, dass die Bedeutung des Wortes „Hierarchie" „heilige Herrschaft" bedeuten würden, doch das ist nicht die wahre Bedeutung; sie lautet: „heiliger Ursprung", das heißt: diese Vollmacht stammt nicht vom Menschen, sondern hat ihren Ursprung im Heiligen, im Sakrament; sie unterstellt also die Person der Berufung, dem Geheimnis Christi, sie macht aus dem Einzelnen einen Diener Christi, und nur insofern ich Christus diene, kann dieser regieren, leiten, durch Christus und mit Christus. Wer deshalb in die heilige Ordnung des Sakraments eintritt, in die „Hierarchie", ist kein Autokrat, sondern tritt in eine neue Verbindung des Gehorsams zu Christus ein: Er ist an ihn in Gemeinschaft mit den anderen Gliedern der heiligen Ordnung, des Priestertums, gebunden. Und auch der Papst - Bezugspunkt für alle anderen Hirten und die Gemeinschaft der Kirche - kann nicht tun, was er will; im Gegenteil, der Papst ist Hüter des Gehorsames zu Christus, zu seinem in der „regula fidei", im Glaubensbekenntnis der Kirche zusammengefassten Wort, und er muss im Gehorsam gegenüber Christus und seiner Kirche vorangehen. Hierarchie schließt also ein dreifaches Band ein: vor allem das mit Christus und der vom Herrn der Kirche gegebenen Ordnung; dann das Band mit den anderen Hirten in der einen Gemeinschaft der Kirche; und schließlich das Band mit den dem Einzelnen in der Ordnung der Kirche anvertrauten Gläubigen.

So versteht man, dass Gemeinschaft und Hierarchie einander nicht entgegengesetzt sind, sondern einander bedingen. Sie sind zusammen eine einzige Realität (hierarchische Gemeinschaft). Der Hirt ist somit dadurch Hirt, dass er die Herde leiten und behütet und manchmal verhindert, dass sie sich zerstreut. Außerhalb einer deutlich und ausdrücklich übernatürlichen Sicht ist die dem Priester eigene Aufgabe der Leitung unverständlich. Wenn sie hingegen von der wahren Liebe zum Heil eines jeden Gläubigen getragen wird, so ist sie auch in unserer Zeit besonders wertvoll und notwendig. Wenn das Ziel darin besteht, die Botschaft Christi zu überbringen und die Menschen zur heilbringenden Begegnung mit ihm zu führen, damit sie das Leben haben, so gestaltet sich die Aufgabe der Leitung als ein Dienst, der in einer völligen Selbstschenkung für die Erbauung der Herde in der Wahrheit und Heiligkeit gelebt wird, wobei er oft gegen den Strom schwimmt und in Erinnerung ruft, dass der Größte so werden muss, wie der Kleinste, und der Leitende wie jener, der dient (vgl. Lumen gentium 27).

Woraus kann heute ein Priester die Kraft für die Ausübung seines Dienstes in voller Treue zu Christus und der Kirche und mit voller Hingabe an seine Herde schöpfen? Es gib nur eine Antwort: aus Christus, dem Herrn. Jesu Art des Leitens ist nicht diejenige der Vorherrschaft, sondern sie ist der bescheidene und liebevolle Dienst der Fußwaschung, und die Königsherrschaft Christi über das All ist in kein irdischer Triumph, sondern findet ihren Höhepunkt am Holz des Kreuzes, das Gericht für die Welt und Bezugspunkt für die Ausübung der Vollmacht wird, die wahrhaft Ausdruck der pastoralen Liebe ist.

Die Heiligen, und unter ihnen der heilige Jean-Marie Vianney, haben mit Liebe und Hingabe die Aufgabe wahrgenommen, um den ihnen anvertrauten Teil des Volkes Gottes Sorge zu tragen, und sie haben dabei auch gezeigt, starke und entschlossene Männer zu sein, mit dem einzigen Ziel, das wahre Seelenwohl zu fördern, fähig, persönlich bis zum Martyrium zu bezahlen, um der Wahrheit und der Gerechtigkeit des Evangeliums treu zu bleiben.

Liebe Priester, „sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig [...] seid Vorbilder für die Herde!" (1 Petr 5,2-3); fürchtet euch also nicht, einen jeden der Brüder und Schwestern, die euch Christus anvertraut hat, zu ihm zu führen, in der Gewissheit, dass jedes Wort und jedes Verhalten, so sie aus dem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes hervorgehen, Frucht tragen werden; versteht es, so zu leben, dass ihr die Vorzüge der Kultur, in der wir eingefügt sind, schätzt und deren Grenzen anerkennt, in der festen Gewissheit, dass die Verkündigung des Evangeliums der größte Dienst ist, den man dem Menschen leisten kann.

Denn es gibt kein größeres Gut in diesem Leben auf Erden als das, die Menschen zu Gott zu führen, den Glauben zu erwecken, den Menschen aus der Trägheit und der Verzweiflung herauszuführen, die Hoffnung zu geben, dass Gott nahe ist und die persönliche Geschichte und die Geschichte der Welt leitet: das ist letztendlich der tiefe und letzte Sinn der Aufgabe der Leitung, die der Herr uns anvertraut hat. Es geht darum, Christus in den Gläubigen durch jenen Prozess der Heiligung zu formen, der in der Bekehrung der Kriterien, der Werteskala, der Haltungen besteht, um es zuzulassen, dass Christus in jedem Gläubigen lebt. Der heilige Paulus fasst sein seelsorgliches Wirken so zusammen: „Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt" (Gal 4,19).

Liebe Brüder und Schwestern, ich möchte euch einladen, für mich, den Nachfolger Petri, zu beten, der ich eine spezifische Aufgabe bei der Leitung der Kirche Christi habe, wie auch für alle eure Bischöfe und Priester. Betet, dass wir es verstehen, uns aller Schafe der uns anvertrauten Herde anzunehmen, auch jener verlorenen. An euch, liebe Priester, richte ich die herzliche Einladung zu den Abschlussfeierlichkeiten des Priesterjahres am kommenden 9., 10. und 11. Juni hier in Rom: wir werden über die Umkehr und die Sendung, über die Gabe des Heiligen Geistes und die Beziehung zur allerseligsten Maria nachdenken und, getragen vom ganzen Volk Gottes, unsere Priestergelübde erneuern. Danke!

(ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana)

 

 

 

Papst Benedikt XVI. skizzierte in der Generalaudienz vom 5. Mai 2010 den Priester als Mystagogen. Der Priester, so der heilige Vater "vertritt Christus, den Gesandten des Vaters", er setze durch das „Wort" und das „Sakrament" dessen Sendung fort, der Ganzheit von Leib und Seele, von Zeichen und Wort.

Liebe Brüder und Schwestern!

Am vergangenen Sonntag habe ich bei meinem Pastoralbesuch in Turin die Freude gehabt, im Gebet vor dem Heiligen Grantuch zu verweilen und mich auf diese Weise den über zwei Millionen Pilgern anzuschließen, die es während der feierlichen Ausstellung dieser Tage betrachten konnten. Jenes heilige Tuch kann den Glauben nähren und fördern und die christliche Frömmigkeit stärken, da es dazu drängt, zum Antlitz Christi, zum Leib des gekreuzigten und auferstandenen Christus zu gehen, das Ostergeheimnis zu betrachten - die zentrale christliche Botschaft. Wir, liebe Brüder und Schwestern, sind lebendige Glieder des auferstandenen, lebendigen und in der Geschichte wirkenden Leibes Christi (vgl. Röm 12,5), jeder entsprechend seiner Aufgabe, das heißt mit dem Auftrag, den der Herr uns anvertrauen wollte.

In dieser Katechese möchte ich heute zu den spezifischen Aufgaben des Priesters zurückkehren, die der Überlieferung nach drei sind: lehren, heiligen und leiten. In einer der vorausgegangenen Katechesen habe ich über die erste dieser drei Sendungen gesprochen: die Lehre, die Verkündigung der Wahrheit, die Verkündigung des in Christus offenbarten Gottes, oder - mit anderen Worten - über die prophetische Aufgabe, den Menschen mit der Wahrheit in Berührung zu bringen, ihm zu helfen, das Wesentliche seines Lebens, der Wirklichkeit selbst zu erkennen.

Heute möchte ich mich kurz mit der zweiten Aufgabe beschäftigen, die dem Priester zu eigen ist: der Dienst, den Menschen zu heiligen, vor allem durch die Sakramente und den Kult der Kirche.

Hier müssen wir uns vor allem fragen: Was will das Wort „heilig" besagen? Die Antwort lautet: „heilig" ist die spezifische Qualität des Seins Gottes, das heißt absolute Wahrheit, Güte, Liebe, Schönheit - reines Licht. Einen Menschen heiligen bedeutet also, ihn mit Gott in Berührung zu bringen, mit diesem seinem Sein als Licht, Wahrheit und reine Liebe.

Es ist klar, dass diese Berührung den Menschen verwandelt. In der alten Zeit gab es diese Überzeugung: Keiner kann Gott sehen, ohne sofort zu sterben. Zu groß ist die Kraft der Wahrheit und des Lichts! Wenn der Mensch diesen absoluten Strom berührt, so überlebt er nicht. Anderseits gab es auch die Vorstellung: Ohne auch nur den geringsten Kontakt mit Gott kann der Mensch nicht leben. Wahrheit, Güte, Liebe sind Grundbedingungen seines Seins. Die Frage ist: Wie kann der Mensch jene Berührung mit Gott finden, die grundlegend ist, ohne von der Größe des göttlichen Seins überwältigt zu werden? Der Glaube der Kirche sagt uns, dass Gott diesen Kontakt schafft, der uns Schritt für Schritt in wahre Ebenbilder Gottes verwandelt.

So sind wir wieder bei der Aufgabe des Priesters angelangt, die im Heiligen besteht. Kein Mensch kann durch eigene Kraft den anderen mit Gott in Berührung bringen. Wesentlicher Teil der Gnade des Priestertums ist das Geschenk, die Aufgabe, diesen Kontakt herzustellen.

Das verwirklicht sich in der Verkündigung des Wortes Gottes, in der uns sein Licht entgegenkommt. Es verwirklicht sich in besonders dichter Weise in den Sakramenten. Das Eintauchen in das Ostergeheimnis des Todes und der Auferstehung Christi geschieht in der Taufe, wird durch die Firmung und in der Versöhnung gestärkt und durch die Eucharistie genährt, dem Sakrament, das die Kirche als Volk Gottes, Leib Christi, Tempel des Heiligen Geistes errichtet (vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Pastores gregis", 32). Also ist es Christus selbst, der heilig macht, das heißt er zieht in die Sphäre Gottes hinein. Doch als Tat seines unendlichen Erbarmens beruft er einige, um bei ihm zu „bleiben" (vgl. Mk 3,14) und durch das Sakrament der Weihe trotz aller menschlichen Armseligkeit an seinem Priestertum teilhaftig, Diener dieser Heiligung, Spender seiner Geheimnisse, „Brücken" der Begegnung mit ihm, seiner Vermittlung zwischen Gott und den Menschen und zwischen den Menschen und Gott zu werden (vgl. Presbyterorum ordinis, 5).

In den letzten Jahrzehnten hat es Tendenzen gegeben, die darauf ausgerichtet waren, in der Identität und in der Sendung des Priesters die Dimension der Verkündigung den Vorrang einnehmen zu lassen und sie so von jener der Heiligung zu trennen; oft wurde behauptet, dass es notwendig wäre, eine rein sakramentale Seelsorge zu überwinden.

Ist es aber möglich, das Priesteramt auf echte Weise auszuüben, indem man die sakramentale Seelsorge „überwindet"? Was bedeutet es im eigentlichen Sinne für die Priester, zu evangelisieren, worin besteht der sogenannte Primat der Verkündigung? Wie die Evangelien berichten, sagt Jesus, dass die Verkündigung des Reiches Gottes das Ziel ihrer Sendung ist; diese Verkündung jedoch besteht nicht nur in einem „Reden", sondern schließt gleichzeitig sein Handeln ein; die Zeichen, die Wunder, die Jesus tut, verweisen darauf, dass das Reich als eine gegenwärtige Wirklichkeit kommt und dass es am Ende mit seiner Person übereinkommt, mit der Schenkung seiner selbst, wie wir heute in der Lesung aus dem Evangelium gehört haben.

Und dasselbe gilt für das Weihepriestertum: Er, der Priester, vertritt Christus, den Gesandten des Vaters, er setzt durch das „Wort" und das „Sakrament" dessen Sendung fort, in dieser Ganzheit von Leib und Seele, von Zeichen und Wort. Der heilige Augustinus sagt in einem Brief an Bischof Honoratus von Thiabe zu den Priestern: „Sie sollen also die Knechte Christi sein, die Diener des Wortes und seines Sakraments, wie er geboten und verheißen hat" (Epist. 228, 2). Es ist notwendig, darüber nachzudenken, ob die in einigen Fällen gegebene Unterbewertung der Erfüllung des „munus sanctificandi" nicht vielleicht eine Schwächung des Glaubens an die Heilswirksamkeit der Sakramente und schließlich an das aktuelle Wirken Christi und seines Geistes durch die Kirche in der Welt dargestellt hat.

Wer also rettet die Welt und den Menschen? Die einzige Antwort, die wir geben können, ist: Jesus von Nazaret, Herr und Messias, gekreuzigt und auferstanden. Und wo verwirklicht sich das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi, die das Heil bringt? Im Handeln Christi durch die Kirche, besonders im Sakrament der Eucharistie, das das Erlösungsopfer des Sohnes Gottes gegenwärtig macht, im Sakrament der Versöhnung, in dem man vom Tod der Sünde zu neuem Leben zurückkehrt, und in jedem anderen sakramentalen Handeln der Heiligung (vgl. PO,5).

Es ist also wichtig, eine angemessene Katechese zu fördern, um den Gläubigen zu helfen, den Wert der Sakramente zu begreifen, doch ebenso notwendig ist es, nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars bereit, großherzig und aufmerksam zu sein, wenn es darum geht, den Brüdern und Schwestern die Schätze der Gnade zu schenken, die Gott in unsere Hände gelegt hat und über die wir nicht „Herren" sind, sondern deren Wächter und Verwalter.

Vor allem in dieser unserer Zeit, in der es einerseits den Anschein hat, dass der Glaube schwächer wird, und andererseits ein tiefes Bedürfnis und eine verbreitete Suche nach Spiritualität zutage tritt, ist es notwendig, das sich jeder Priester in Erinnerung ruft, dass in seiner Sendung die missionarische Verkündigung und der Kult und die Sakramente nie getrennt sind, und dass er eine gesunde Sakramentenpastoral fördern muss, um das Volk Gottes zu bilden und ihm zu helfen, in Fülle die Liturgie, den Kult der Kirche, die Sakramente als unentgeltliche Geschenke Gottes zu leben, die freie und wirksame Taten seines Heilswirkens sind.

In der Chrisam-Messe dieses Jahres habe ich in Erinnerung gerufen: „Das Zentrum des Gottesdienstes der Kirche ist das Sakrament. Sakrament bedeutet, dass zuallererst nicht wir Menschen etwas tun, sondern dass Gott uns im voraus mit seinem Handeln entgegengeht, uns ansieht und zu sich hinführt. (... Gott rührt uns an durch materielle Wirklichkeiten (...), die er in seinen Dienst nimmt, zu Instrumenten der Begegnung zwischen uns und sich selber macht" (1. April 2010). Die Wahrheit, nach der im Sakrament „nicht wir Menschen es sind, die etwas tun", betrifft auch das priesterliche Bewusstsein und muss dieses betreffen: jeder Priester weiß wohl, dass er ein notwendiges Instrument im heilbringenden Handeln Gottes ist, aber gleichwohl immer nur Instrument. Ein derartiges Bewusstsein muss in Achtung der kanonischen Normen bescheiden und großherzig bei der Verwaltung der Sakramente machen, doch dies auch in der tiefen Überzeugung, dass die eigene Sendung darin besteht, es zu ermöglichen, dass sich alle Menschen vereint mit Christus Gott als ihm wohlgefällige lebendige und heilige Opfergabe darbringen können (vgl. Röm 12,1). Ein Beispiel für den Primat des „munus sanctificandi" und die rechte Interpretation der Sakramentenpastoral ist erneut der heilige Jean-Marie Vianney, der eines Tages angesichts eines Menschen, der sagte, keinen Glauben mehr zu haben und mit ihm diskutieren zu wollen, antwortete: „Oh! Mein Freund, Ihr habt Euch an den ganz Falschen gewandt, ich verstehe es nicht, große Reden zu führen... wenn Ihr aber der Tröstung bedürft, geht dorthin (sein Finger zeigte auf den unerbittlichen Schemel [des Beichtstuhles]), und glaubt mir, dass viele andere sich vor Euch dorthin begeben haben und es nicht bereuen mussten (vgl. Il Curato d'Ars. Vita di Gian-Battista-Maria Vianney, Bd. I, Turin 1870, 163-164).

Liebe Priester, lebt die Liturgie und den Kult voll Freude und mit Liebe: es ist dies das Tun, die der Auferstandene in der Macht des Heiligen Geistes in uns, mit uns und für uns vollbringt. Ich möchte meine kürzlich gemachte Einladung erneuern, „in den Beichtstuhl zurückzukehren als den Ort, an dem man das Sakrament der Versöhnung feiert, aber auch als den Ort, an dem man öfter ‚wohnt', damit der Gläubige Barmherzigkeit, Rat und Trost finden, sich von Gott geliebt und verstanden fühlen und die Gegenwart der göttlichen Barmherzigkeit erfahren kann, neben der Realpräsenz in der Eucharistie" (Ansprache an die Apostolische Pönitentiarie, 11. März 2010).

Und ich möchte einen jeden Priester einladen, innig die Eucharistie zu feiern und zu leben, die im Herzen des Aufgabe der Heiligung steht; es ist Jesus, der mit uns sein, mit uns leben, sich selbst schenken, uns die unendliche Barmherzigkeit und Milde Gottes zeigen will; sie ist das eine Liebesopfer Christi, das gegenwärtig wird, sich unter uns verwirklicht und bis zum Thron der Gnade, zur Gegenwart Gottes gelangt, die Menschheit umfasst und uns mit ihm vereint (vgl. Ansprache an den Klerus von Rom, 18. Februar 2010). Und der Priester ist dazu berufen, Diener dieses großen Geheimnisses zu sein, im Sakrament und im Leben.

Wenn „die lange kirchliche Tradition die Wirkkraft des Sakraments zu Recht von der konkreten Lebenssituation des einzelnen Priesters losgelöst (hat) und dadurch die rechtmäßigen Erwartungen der Gläubigen adäquat geschützt (werden)", so mindert dies nicht „das notwendige, ja unverzichtbare Streben nach moralischer Vollkommenheit, das in jedem wirklich priesterlichen Herzen wohnen muss": es gibt auch ein Beispiel an Glauben und Zeugnis der Heiligkeit, das sich das Volk Gottes zurecht von seinen Hirten erwartet (vgl. Ansprache an die Vollversammlung der Kongregation für den Klerus, 16. März 2009). Und in der Feier der Heiligen Geheimnisse findet der Priester die Wurzel seiner Heiligung (vgl. PO, 12-13).

Liebe Freunde, seid euch des großen Geschenks bewusst, das die Priester für die Kirche und die Welt sind; durch ihren Dienst fährt der Herr fort, die Menschen zu retten, gegenwärtig zu werden, zu heiligen. Versteht es, Gott zu danken, und seid euren Priestern vor allem mit dem Gebet und mit eurer Unterstützung nahe, besonders in den Schwierigkeiten, damit sie immer mehr Hirten nach dem Herzen Gottes sind. Danke.

(ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana)

 

 

In der Generalaudienz am Mittwoch, 14. April 2010, hat der hl. Vater angesichts des gegenwärtigen Erziehungsnotstandes in Rom die Priester in aller Welt aufgerufen, sich auf ihre Verpflichtung zur Lehre zu besinnen.

Vor rund 35.000 Pilgern und Besuchern läutete der Papst in einer weitgehend improvisierten Rede die Schlussetappe des Priesterjahres ein, das mit großen Feierlichkeiten Mitte Juni seinen Höhepunkt finden wird.

Liebe Freunde!

In dieser Osterzeit, die uns zu Pfingsten bringt und uns auch zum Beginn der Feiern anlässlich des Abschlusses des Priesterjahres hinführt, die für den kommenden 9. , 10. und 11. Juni geplant sind, liegt es mir daran, erneut einige Überlegungen dem Thema des Priesteramtes zu widmen. Ich möchte mich dabei mit der fruchtbaren Wirklichkeit der Gleichgestaltung des Priesters mit Christus, als Haupt beschäftigen, die sich in der Ausübung der von Christus empfangenen „tria munera besteht, das heißt der drei Aufgaben der Lehre, der Heiligung und der Führung.

Um zu verstehen, was dies bedeutet, dass ein Priester „in persona Christi Capitis - in der Person Christi, des Hauptes" handelt, und zu begreifen, welche Folgen sich aus der Aufgabe ergeben, den Herrn zu vertreten, muss vor allem geklärt werden, was unter „Stellvertretung" zu verstehen ist, besonders in der Ausübung dieser drei Aufgaben.

Ein Priester vertritt Christus. Was heißt das? Was bedeutet es, jemanden „zu vertreten"? Im gewöhnlichen Sprachgebrauch heißt dies im Allgemeinen, von jemandem beauftragt zu werden, um an seiner Statt anwesend zu sein, an seiner Statt zu sprechen und zu handeln, während derjenige, der vertreten wird, in der konkreten Handlung abwesend ist.

Vertritt ein Priester nun den Herrn auf diese Weise? Die Antwort ist: nein, da Christus in der Kirche nie abwesend ist. Im Gegenteil, Christus ist in unseren raumzeitlichen Grenzen in ganz unabhängiger Weise gegenwärtig. Dies dank der Auferstehung als ein Ereignis, das wir in dieser Osterzeit besonders bedenken wollen.

So handelt ein Priester, der „in persona Christi" stellvertretend für den Herrn wirkt, nie im Namen eines Abwesenden, sondern „in persona" des auferstandenen Christus selbst, der durch sein wahrhaft wirkliches Wirken gegenwärtig ist.

Er handelt wirklich und verwirklicht das, was ein Priester an sich gar nicht tun könnte: die Konsekration von Wein und Brot zu erwirken, damit diese Realpräsenz des Herrn werden und die Lossprechung von den Sünden.

Der Herr lässt sein eigenes Wirken in einer Person gegenwärtig werden, die so handelt. Diese drei Aufgaben des Priesters, von der Tradition in drei unterschiedlichen Worten für die Sendung des Herrn ausgedrückt: Lehren, Heiligen und Leiten, sind in ihrer Unterschiedlichkeit und tiefen Einheit ein besonderer Ausdruck für diese wirksame Form von Vertretung.

Sie sind in Wirklichkeit drei Handlsweisen des auferstandenen Christus, der heute in der Kirche und in der Welt lehrt und so den Glauben schafft, sein Volk vereint, die Wahrheit gegenwärtig werden lässt und wirklich die Gemeinschaft der universalen Kirche schafft; und sie heiligt und führt.

Die erste Aufgabe, von der ich heute sprechen möchte, ist das „munus docendi", die Aufgabe der Lehre. Heute, mitten im Erziehungsnotstand, ist das „munus docendi" der Kirche, als Dienst zum Amt eines jeden Priesters gehört, von besonderer Wichtigkeit.

Wir leben hinsichtlich der Grundentscheidungen unseres Lebens, hinsichtlich der Fragen: Was ist die Welt, woher kommt sie, wohin gehen wir, was sollen wir tun, um das Gute zu wirken, wie sollen wir leben, was sind die wirklich bedeutsamen Werte, in einer großen Verwirrung. Diesbezüglich gibt es viele widersprüchliche Philosophien, die entstehen und vergehen. Was beleibt ist eine Verwirrung bezüglich der Grundentscheidungen: Wie soll man denn leben, wenn wir allgemein nicht mehr wissen, von was und für was wir geschaffen sind und wohin wir gehen.

In dieser Situation verwirklicht sich wahrhaft erneut das Wort des Herrn: „Ich habe Mitleid mit dem Volk, sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben" (vgl. Mk 6,34). Der Herr kam zu dieser Feststellung, als er die Tausenden von Menschen sah, die ihm in die Wüste folgten, da sie in der Unterschiedlichkeit der Strömungen jener Zeit nicht mehr wussten, was der wahre Sinn der Schrift ist, was Gott nun zu sagen hatte.

Von Mitleid bewegt, hat der Herr das Wort Gottes ausgelegt - er selbst ist das Wort Gottes - und Orientierung gegeben. Das ist die Aufgabe von „in persona Christi", die dem Priester zu Eigen ist, die Funktion, in der Verwirrung, in der Orientierungslosigkeit unserer Zeit das Licht des Wortes Gottes gegenwärtig zu machen: das Licht, das Christus selbst in dieser unserer Welt ist.

Der Priester lehrt somit keine eigenen Vorstellungen, keine Philosophie, die er selbst erfunden oder gefunden hat oder die ihm gefällt; der Priester spricht nicht „aus sich heraus", er spricht nicht „für sich", um sich Bewunderer oder eine eigene Anhängerschaft zu sammeln. Er spricht nicht von eigenen Dingen, von eigenen Erfindungen, sondern in der Verwirrung aller Philosophien lehrt der Priester im Namen des gegenwärtigen Christus, er legt die Wahrheit vor, die Christus selbst ist, sein Wort, seine Art zu leben, seine Art, voranzugehen.

Für den Priester gilt, was Christus über sich selbst gesagt hat: „Meine Lehre stammt nicht von mir" (Joh 7,16); Christus also schlägt nicht sich selbst vor, sondern er ist als Sohn die Stimme, das Wort des Vaters. Auch der Priester muss immer so handeln: „Meine Lehre stammt nicht von mir, ich verbreite nicht meine Vorstellungen oder was mir gefällt, sondern ich bin Mund und Herz Christi und lasse diese einzige und gemeinsame Lehre gegenwärtig werden, die die universale Kirche geschaffen hat und die ewiges Leben erzeugt".

Diese Tatsache, dass der Priester keine eigenen Ideen erfindet, schafft und verkündigt, insofern die Lehre, die er verkündet, nicht von ihm stammt, sondern von Christus, bedeutet andererseits nicht, dass er neutral wäre, gleichsam ein Sprecher, der einen Text liest, den er sich vielleicht nicht zu Eigen macht. Auch in diesem Fall gilt das Vorbild Christi, der gesagt hat: Ich bin nicht von mir und ich lebe nicht für mich, sondern ich komme vom Vater und lebe für den Vater. Daher ist in dieser tiefen Identifizierung die Lehre Christi die Lehre des Vaters, und er selbst ist eins mit dem Vater. Der Priester, der das Wort Christi verkündigt, den Glauben der Kirche und nicht seine eigenen Ansichten, muss auch sagen: Ich lebe nicht aus mir und für mich, sondern ich lebe mit Christus und aus Christus, und deshalb wird das, was Christus uns gesagt hat, mein Wort, auch wenn es nicht meines ist. Das Leben des Priesters muss sich mit Christus identifizieren, und auf diese Weise wird das nicht Wort, das nicht ihm eignet, dennoch ein zutiefst persönliches Wort. Zu diesem Thema hat der heilige Augustinus über die Priester gesagt: „Wir Priester - was sind wir? Diener Christi, seine Knechte; denn was wir an euch austeilen, gehört nicht uns, sondern wir entnehmen es seinem Vorratsraum. Und auch wir leben davon, da wir Knechte sind wie ihr" (Rede 229/E,4).

Die Lehre, die ein Priester gerufen ist anzubieten, die Wahrheiten des Glaubens, muss verinnerlicht und auf einem intensiven persönlichen geistlichen Weg gelebt werden, damit ein Priester wirklich in eine tiefe innere Gemeinschaft mit Christus treten kann. Vor allem selber das zu leben, was der Herr gelehrt und die Kirche überliefert hat, glaubt, akzeptiert und sucht ein Priester. Er tut es auf dem Weg der Identifizierung mit seinem Amt. Dafür ist der heilige Jean-Marie Vianney ein beispielhafter Zeuge ist (vgl. Schreiben zur Eröffnung des Priesterjahres). „Vereint in derselben Liebe - so sagt wieder der heilige Augustinus - sind wir alle Hörer dessen, der für uns im Himmel der einzige Lehrer ist" (Enarr. in Ps. 131, 1, 7).

Die Stimme des Priesters wird folglich nicht selten wie eine „Stimme eines Rufers in der Wüste" (Mk 1,3) klingen. Gerade darin jedoch besteht ihr prophetische Kraft: Nicht irgendeiner Kultur oder vorherrschenden Mentalität angeglichen zu werden oder konform zu sein, sondern die einzigartige Neuheit zu zeigen, die fähig ist, eine echte und tiefe Erneuerung des Menschen zu erwirken. Zu zeigen, dass Christus der Lebendige ist, der nahe Gott, der Gott, der im Leben und für das Leben der Welt wirkt und uns die Wahrheit, die Art des Lebens schenkt.

Bei der aufmerksamen Vorbereitung der Sonntagspredigten, ohne dabei die werktägliche Predigt auszuschließen, bei der Anstrengung einer katechetischen Bildung (vor allem der Jugendlichen und der Erwachsenen), in den Schulen sowie akademischen Einrichtungen und in besonderer Weise durch jenes ungeschriebene Buch, das sein Leben ist, ist der Priester immer „Lehrender", er lehrt. Dies aber nicht mit der Anmaßung eines Menschen, der anderen eigene Wahrheiten aufdrückt, sondern mit der demütigen und frohen Gewissheit dessen, der der Wahrheit begegnet ist, von ihr ergriffen und umgeformt worden ist und deshalb nicht umhin kommt, sie zu verkündigen.

Das Priestertum wählt sich niemand selber aus, es ist keine Form, um Sicherheit im Leben zu haben oder eine soziale Stellung zu erobern: Keiner kann es sich aus sich heraus leben oder suchen. Das Priestertum ist Antwort auf den Ruf des Herrn, auf seinen Willen, nicht um Verkündiger einer persönlichen Wahrheit, sondern seiner Wahrheit zu werden.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, das Christenvolk erwartet von uns, in unseren Lehren die echte kirchliche Lehre zu hören. Dadurch kann es die Begegnung mit Christus erneuern, der allein Freude, Friede und Heil schenken kann. Die Heilige Schrift, die Schriften der Kirchenväter und der Kirchenlehrer, der Katechismus der Katholischen Kirche bilden dabei unverzichtbare Anhaltsspunkte für die Ausübung des „munus docendi", das so wesentlich für die Umkehr, den Weg des Glaubens und das Heil der Menschen ist. „Priesterweihe heißt: Eingetauchtwerden (...) in die Wahrheit" (Predigt in der „Missa Chrismatis", Gründonnerstag, 9.4.2009), in jene Wahrheit, die nicht einfach ein Begriff oder eine Ansammlung von Ideen ist, die weitergegeben und aufgenommen werden soll, sonder die die Person Christi ist, mit der, für die und in der es zu leben gilt. Und so entstehen notwendig auch die Aktualität und die Verständlichkeit der Verkündigung. Nur dieses Bewusstsein einer in der Fleischwerdung Person gewordenen Wahrheit rechtfertigt den Auftrag zur Mission: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" (Mk 16,15). Nur wenn es die Wahrheit ist, ist sie für alle Geschöpfe bestimmt, und so handelt es sich um keine Aufzwingen von etwas, sondern um die Öffnung des Herzens zu dem, für das es geschaffen worden ist.

Liebe Brüder und Schwestern, der Herr hat den Priestern eine große Aufgabe anvertraut: Verkündiger seines Wortes zu sein, der Wahrheit, die rettet; seine Stimme in der Welt zu sein, um das, was dem wahren Wohl der Seelen und dem echten Weg des Glaubens dient, zu bringen (vgl. 1 Kor 6,12). Der heilige Jean-Marie Vianney möge für alle Priester ein Beispiel sein. Er war eine Mann großer Weisheit und heldenhafter Kraft, wenn es darum ging, dem kulturellen und sozialen Druck seiner Zeit zu widerstehen, um die Seelen zu Gott führen zu können: Einfachheit, Treue und Unmittelbarkeit waren die wesentlichen Kennzeichen seiner Verkündigung, Transparenz seines Glaubens und seiner Heiligkeit. Das Christenvolk hatte sich daran erbaut und, wie dies für die echten Lehrer aller Zeiten zutrifft, das Licht der Wahrheit erkannt. Es erkannte schließlich das, was man immer in einem Priester erkennen sollte: die Stimme des Guten Hirten.

(ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana)

 

 „Unser Herr Jesus Christus, den der Vater mit dem Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt hat, sei immer mit Dir bei der Heiligung seines Volkes und der Darbringung des eucharistischen Opfers“. „Empfange die Gaben des Volkes Gottes für die Feier des Opfers. Bedenke, was Du tust, ahme nach, was Du vollziehst, und stelle Dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes“.

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconorum,
editio typica altera, Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!

In diesen österlichen Tagen erleben wir erneut das Mysterium unserer Erlösung. Wir setzen Zeichen und verkünden Worte, die die Mitte unserer priesterlichen Existenz berühren. Am Karfreitag erleben wir wieder – wie am Tag unserer Weihe – die demütige und prophetische Geste des Sichhinstreckens am Boden. Wir haben durch die Feier des Heiligen Triduums die Gelegenheit, die Gaben der Gnade erneut aufzunehmen und von der göttlichen Vorsehung zu erflehen, reichlich Frucht für uns und die Rettung der Welt bringen zu können.

Wie uns die Formel der Salbung mit Chrisam in Erinnerung ruft, sind wir mit der Kraft Christi ausgestattet, mit jener Kraft, mit der der Vater seinen einzigen Sohn im Heiligen Geist gesalbt hat, der uns gegeben ist mit dem klaren Ziel, sein Volk zu heiligen und das eucharistische Opfer darzubringen. Jeder andere Gebrauch der sakramentalen Vollmacht, die wir aus der heiligen Weihe empfangen haben, ist unrechtmäßig und gefährlich, sei es für unser persönliches Heil oder das Heil der Kirche.

Gleichsam im Bewusstsein des totalen Missverhältnisses zwischen der Größe des Mysteriums und der Kleinheit des Menschen ruft uns der Ritus nicht zufällig in Erinnerung: „Bedenke, was Du tust“. Nie werden wir ganz das große Geheimnis ermessen können, das in unsere Hände gelegt ist. Dennoch sind wir zu beständiger moralischer Vollkommenheit aufgerufen, um „das Mysterium, das in unsere Hände gelegt ist“, zu leben, und „Nachahmer Christi“ zu sein.

Dies ist das außerordentliche und das täglich unverkürzte Neue des Priestertums: Das Mysterium hat sich unseren Händen anvertraut! Der Herr der Zeit und der Geschichte, der Schöpfer aller Kreatur, der Anfang und das Ende, der Urheber des Lebens, lässt einige seiner armen Geschöpfe teilhaben an seiner erlösenden Macht, indem er sich selbst, wie ein wehrloses geopfertes Lamm, völlig in ihre Hände gibt. Diese Totalhingabe gereiche nie zum Verrat! Sie halte das Bewusstsein wach, im Voraus geliebt worden zu sein, und motiviere uns, auch und vor allem in der Zeit der Prüfung unser uneingeschränktes „Ja“ zu wiederholen: ein „Ja“, das sich der eigenen Grenzen bewusst ist, aber von diesen nicht blockiert wird; ein „Ja“, frei von jedem Minderwertigkeitskomplex; ein „Ja“, das sich der Geschichte bewusst ist, aber sich von ihr nicht einschüchtern lässt; ein „Ja“, wie jenes der Seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, das Jahrhunderte überdauert hat, indem es in den Heiligen und im Heute unseres Lebens Wirklichkeit wird.

Ein Priester, der sich dessen bewusst ist, was er vollzieht, und Christus ähnlich wird, besiegt die Welt! Ein solcher Sieg ist ein wahrhafter „Beweis“ der Auferstehung Christi.

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 27. März 2010, Kleruskongregation Rom)

 

»Allmächtiger Gott, wir bitten dich: gib deinen Knechten die priesterliche Würde. Erneuere in ihnen den Geist der Heiligkeit. Gib, o Gott, dass sie festhalten an dem Amt, das sie aus deiner Hand empfingen; ihr Leben sei für alle Ansporn und Richtschnur.«

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconorum,
editio typica altera , Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Amt,

das Weihegebet erinnert uns in seinem zentralen Abschnitt daran, dass das Priestertum seinem Wesen nach ein Geschenk ist. Gerade im Hinblick darauf, dass es eine „übernatürliche Gabe“ verleiht, bringt es eine Würde mit sich, die sowohl die Gläubigen als auch der Klerus stets anerkennen sollen. Es handelt sich um eine Würde, die nicht von Menschen stammt, sondern reine Gnadengabe ist. Zum Empfang dieser Gabe wird man berufen, niemand hat ein Recht darauf. Die Würde des vom „Allmächtigen Vater“ verliehenen priesterlichen Dienstamts muss im Leben der Priester wahrnehmbar sein: man muss diese an ihrer Heiligkeit erkennen, an ihrer aufnahmebereiten, demutsvollen und von pastoraler Fürsorge erfüllten Menschlichkeit, an ihrer lauteren Treue zum Evangelium und zur Lehre der Kirche, am nüchternen und würdevollen Charakter der Feier der heiligen Geheimnisse, an ihrer kirchlichen Kleidung! Alles am Priester soll diesen selbst und die Welt daran erinnern, dass er eine Gabe empfangen hat, die ungeschuldet ist, die niemand verdienen kann und die, um des Heils der Menschen willen, ihn zum Anhaltspunkt der wirksamen Gegenwart des Absoluten in der Welt macht.

Der Geist der Heiligkeit, um dessen erneute Aussendung gebeten wird, ist Garant dafür, dass man die empfangene Berufung „in Heiligkeit“ leben kann. Er ermöglicht und befähigt erst dazu, am „Amt festzuhalten“ und dieses treu auszuüben.

So stellt sich die Treue als die wunderbare Begegnung zwischen der Freiheit des treuen Gottes und der geschaffenen, aber verwundeten, Freiheit des Menschen dar, der durch die Macht des Geistes auf sakramentale Weise befähigt wird, mit seinem Leben „für alle Ansporn und Richtschnur“ zu sein. Diese Aufforderung weist, ganz entgegen der Tendenz, das Priesteramt auf eine rein moralische Größe zu reduzieren, auf dessen „Lebensfülle“ hin: ein Leben, das tatsächlich diesen Namen verdient und im Vollsinne christlich ist.

Vom Geist des allmächtigen Vaters gesalbt, ist der Priester dazu berufen durch die Lehre und die Feier der Sakramente, vor allem aber durch sein eigenes Lebenszeugnis, „Richtschnur“ für das ihm anvertraute Volk zu sein und dieses auf dem Weg seiner Heiligung zu leiten, in der Gewissheit, dass der einzige Zweck des Priestertums das Paradies ist!

Die Gabe des Vaters bringt dessen besondere Vorliebe zu seinen „Priestersöhnen“ mit sich, welche eine portio electa populi Dei darstellen, die dazu berufen ist „auserwählt zu sein“ und durch ein heiliges Leben und Glaubenszeugnis hervorzustechen.

Möge die Erinnerung an die empfangene Gnade, die stets vom Geist erneuert wird, und der Schutz der Allerseligsten Jungfrau Maria, der Magd des Herrn und Braut des Geistes, jedem Priester dabei helfen, die eigene Sendung in der Welt treu zu erfüllen, in Erwartung des ewigen Siegespreises, der den Söhnen vorbehalten ist, die nicht nur auserwählt wurden, sondern auch Erben sind!

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 15. Jänner 2010, Kleruskongregation Rom)

 

Liebe Priester,
im Leben des Presbyters nimmt das Gebet notwendigerweise einen zentralen Platz ein. Es ist nicht schwer, das zu begreifen, weil das Gebet die Vertrautheit des Jüngers mit seinem Meister, Jesus Christus, pflegt. Wir wissen alle, dass der Glaube schwach wird und der Dienst an Gehalt und Sinn verliert, wenn dieses nachlässt. Die spürbare Folge für den Priester wird sein, weniger Freude und weniger Glück im täglichen Dienst zu erfahren. Es ist, wie wenn der Priester, der zusammen mit vielen anderen auf dem Weg der Nachfolge Christi unterwegs ist, angefangen hat, sich immer mehr zurückzuziehen, und sich so weit vom Meister entfernt hat, bis er ihn am Horizont aus den Augen verliert. Dann gerät er in die Verlorenheit und Verwirrung.

Der heilige Johannes Chrysostomus, hat in einer Homilie, in der er den Ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus kommentiert, davor in kluger Weise gewarnt: „Der Teufel wütet gegen den Hirten […]. Wenn er die Schafe tötet, verringert er die Herde, tötet er hingegen den Hirten, wird er in der Tat die gesamte Herde vernichten“. Der Kommentar lässt an viele heutige Situationen denken. Chrysostomus mahnt uns, dass die Verringerung der Hirten die Zahl der Gläubigen und der Gemeinden immer mehr sinken lässt und sinken lassen wird. Ohne Hirten werden unsere Gemeinden zerstört!
Doch hier möchte ich vor allem von der Notwendigkeit des Gebetes sprechen, damit, wie Chrysostomus sagen würde, die Hirten den Teufel besiegen und nicht weniger werden. Ohne das essentielle Brot des Gebetes, erkrankt tatsächlich der Priester, der Jünger findet nicht die Kraft, dem Meister zu folgen, und so stirbt er an Nahrungsmangel. Seine Herde wird sich zerstreuen und selbst sterben.

Jeder Priester hat ohne Zweifel einen wesentlichen Bezug zur kirchlichen Gemeinschaft. Er ist ein sehr besonderer Jünger des Herrn, der ihn gerufen hat, und durch das Sakrament der Weihe nach seinem Vorbild als Haupt und Hirten der Kirche geprägt hat. Christus ist der einzige Hirte, aber er hat die Zwölf und ihre Nachfolger an Seinem Amt teilhaben lassen wollen, durch die auch die Priester, obwohl dem Grade nach tiefer, an diesem Sakrament partizipieren, so dass auch sie in eigener Weise am Amt Christi, des Hauptes und des Hirten, Anteil haben. Das bewirkt eine wesentliche Verbindung des Priesters mit der kirchlichen Gemeinschaft. Er muss dieser Verantwortung gerecht werden in Anbetracht der Tatsache, dass die Herde ohne den Hirten stirbt. Nach dem Beispiel des Moses muss er sogar mit zum Himmel erhobenen Händen da sein, damit das Volk nicht umkommt.

Daher muss der Priester, um Christus und der Gemeinschaft treu zu bleiben, ein Mann des Gebetes sein, ein Mensch, der mit dem Herrn vertraut lebt. Er muss darüber hinaus gestärkt werden durch das Gebet der Kirche und eines jeden Christen. Die Schafe sollen für ihren Hirten beten! Wenn aber der Hirte merkt, dass sein Gebetsleben schwach wird, ist es Zeit, sich an den Heiligen Geist zu wenden und mit demütigem Herzen zu bitten. Der Geist wird das Feuer in seinem Herzen wieder entzünden. Er wird die Leidenschaft für und das Ergriffensein vom Herrn wieder entzünden, der immer da ist und der mit ihm Mahl halten will.

In diesem Jahr des Priesters wollen wir mit großer Ausdauer und viel Liebe für die Priester und mit den Priestern beten. Zu diesem Zweck begeht die Kongregation für den Klerus an einem jeden ersten Donnerstag des Monats während des Priesterjahres um 16.00 Uhr eine eucharistisch-marianische Stunde für die Priester und mit den Priestern in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom. Es kommen viele Menschen mit Freude, um mit uns zu beten.

Sehr geliebte Priester, das Weihnachtsfest Jesu Christi nähert sich. Ich möchte euch allen die besten und die herzlichsten Wünsche für ein gesegnetes Weihnachten und ein glückliches Jahr 2010 aussprechen. Das Jesuskind in der Krippe lädt uns ein, die Vertrautheit der Freundschaft und Jüngerschaft mit Ihm zu erneuern, um uns als seine Verkünder der Frohen Botschaft zu senden!

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 09.12.2009, Kleruskongregation Rom)

 

Versprichst Du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam [filialem oboedientiam et reverentiam]?

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconum,
editio typica altera, Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienstamt!

Obwohl sie hierdurch nicht im Sinne eines feierlichen Gehorsamsgelübdes gebunden sind, „versprechen“ die Kandidaten bei der Weihe dem eigenen Ordinarius und seinen Nachfolgern im Amt „Ehrfurcht und Gehorsam“. Vom theologischen Standpunkt aus betrachtet sind Gelübde und Versprechen nicht gleichzusetzen, identisch ist aber in ihrer endgültigen und umfassenden Art die moralische Verpflichtung, die aus ihnen hervorgeht, identisch auch das bereitwillige Stellen des eigenen Willens unter den eines Anderen: nämlich den göttlichen Willen, der sich durch die Vermittlung der Kirche offenbart.

In einer Zeit wie der heutigen, beherrscht von relativistischen und demokratischen Denkmodellen, von verschiedenen Autonomievorstellungen und vom Freiheitsdenken, wird ein solches Gehorsamsversprechen für die vorherrschende Mentalität immer weniger verständlich. Nicht selten erscheint es als unter der Würde des Menschen liegend und der menschlichen Freiheit widersprechend, so als ob man in veralteten Schemen verharren würde, welche für eine Gesellschaft typisch sind, die unfähig ist, in authentischem Maße mündig zu sein.

Wir, die wir den authentischen Gehorsam leben, wissen sehr wohl, dass dem nicht so ist. Der Gehorsam richtet sich in der Kirche niemals gegen die Würde und die Achtung der Person, er darf nie als ein Entzug der Verantwortung oder als eine Entfremdung verstanden werden.

Im Ritus findet ein Eigenschaftswort Verwendung, das für das rechte Verständnis dieses Versprechens von Wichtigkeit ist; der Gehorsam wird erst angesprochen, nachdem von der Ehrfurcht die Rede war, welche wiederum als „kindlich“ bezeichnet wird. Nun ist der Begriff „Kind“ in allen Sprachen ein Wort, das eine Beziehung beinhaltet und eben gerade die Beziehung zwischen Vater und Sohn in sich schließt. Genau in diesem Beziehungszusammenhang ist der Gehorsam, den wir abgelegt haben, zu verstehen. In diesem Kontext ist der Vater dazu berufen, wahrhaft Vater zu sein, der Sohn wiederum ist dazu berufen, sein eigenes Kindsein und die Schönheit der Vaterschaft, die auch ihm geschenkt ist, anzuerkennen. Ähnlich wie im Bereich der Natur sucht sich auch hier keiner seinen eigenen Vater aus, keiner wählt seine eigenen Kinder. So sind wir alle, Vater und Söhne, gerufen, einander mit übernatürlichen Augen zu betrachten, uns gegenseitig mit großer Barmherzigkeit und Achtung zu begegnen, das heißt mit der Fähigkeit, im Blick auf den Anderen immer das gute Geheimnis gegenwärtig zu haben, das ihn gezeugt hat und ihn letztlich stets erhält. Ehrfurcht bedeutet tatsächlich einfach dies: im Blick auf eine bestimmte Person, einen Anderen gegenwärtig zu haben!

Nur im Zusammenhang mit einer „kindlichen Ehrfurcht“ ist ein authentischer Gehorsam möglich, der nicht bloß Anweisungen ausführt, eben gerade noch formell, sondern leidenschaftlich, ganz und aufmerksam geleistet wird, der in demjenigen, der ihn lebt, wirklich Früchte der Bekehrung und Früchte „neuen Lebens“ hervorbringen kann.

Das Versprechen wird sowohl gegenüber dem Ordinarius, der die Priesterweihe vornimmt, abgelegt, als auch gegenüber seinen „Nachfolgern“, denn die Kirche scheut stets davor zurück, sich zu sehr auf bestimmte Personen festzulegen: im Zentrum steht die Person, nicht jedoch deren subjektiver Charakter, welcher nicht in Zusammenhang mit der historischen und theologischen Kraft und Schönheit der Institution steht. Ja, auch in der Institution, die göttlichen Ursprungs ist, wohnt der Geist. Die Institution ist von Natur aus charismatisch und daher „bleibt man in der Wahrheit“, wenn man über die Zeit hinweg (Nachfolger) frei an sie gebunden bleibt; man bleibt in Ihm, der in seinem lebendigen Leib, der Kirche, aktiv und zugegen ist; man bleibt in der Schönheit der ununterbrochenen Zeitspanne, der Jahrhunderte, die uns auf unzertrennliche Weise mit Christus und den Aposteln verbindet.

Bitten wir die Magd des Herrn, diejenige, die auf beispielhafteste Weise gehorsam war, diejenige, die in der Drangsal ihr: „Mir geschehe nach deinem Wort“ wiederholte, um die Gnade eines frohen, prompten und im vollen Sinne kindlichen Gehorsams; um einen Gehorsam, der uns von jedem Protagonismus befreit, einen Gehorsam, der fähig ist, der Welt zu zeigen, das man Christus tatsächlich alles geben kann und dabei die volle und authentische Selbstverwirklichung als Mensch erlangt.

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 18. November 2009, Kleruskongregation Rom)

 

Christus, unser Hoherpriester hat sich um unseretwillen dem Vater dargebracht. Seid ihr bereit, euch Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum Heil der Menschen für Gott zu leben?

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconum,
editio typica altera, Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienstamt!

Der einzige Grund unseres Lebens und unseres Dienstes ist Jesus von Nazareth, Christus, der Herr. Das priesterliche Dasein hat in Ihm, und nur in Ihm, seinen wahren Ursprung, sein wahres Ziel, in Ihm hat es seine vollständige Verwirklichung auf Erden. Die innige und persönliche Beziehung zum lebendigen und gegenwärtigen, auferstandenen Christus, ist wirklich die einzige Erfahrung, die einen Menschen dazu bringen kann, sich selbst – um der Brüder willen – Gott ganz hinzuschenken.

Liebe Brüder, wir wissen wohl, wie der Herr uns an sich gezogen hat, wie sein Charme für jeden von uns unwiderstehlich gewesen ist, wie der Prophet sagt: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; Du hast mich gepackt und überwältigt“ (Jer 20,7). Diese Faszination muss, wie jedes wahrhaft wertvolle Gut, beständig verteidigt, im Auge behalten, beschützt und genährt werden, damit sie nicht verlorengeht, oder, was vielleicht noch schlimmer wäre, zu einer blassen Erinnerung wird, unfähig, den oft aggressiven Einflüssen der Welt standzuhalten! In der innigen Beziehung zu Gott, die Ursprung und Quelle jeden Apostolats ist, liegt das Geheimnis, das es erlaubt, die Begeisterung für Christus auf Dauer lebendig zu bewahren.

Mag es hierfür auch andere gute Gründe geben, so sind wir dennoch vor allem deshalb Priester, um „mit Christus, dem Hohenpriester, auf innige Weise eins“ zu sein, eins mit Ihm, der unsere einzige Rettung ist, die Liebe unseres Herzens, der Fels, auf den wir jeden Augenblick unseres Dienstes stützen, der uns innerlicher ist, als wir selbst, und den wir mehr als alles andere ersehnen. Christus, der Hohepriester, zieht uns in seinem Inneren zu sich heran. Diese Vereinigung mit Ihm, die im Weihesakrament wurzelt, bringt die Teilhabe an seinem Opfer mit sich: „Das Einswerden mit Christus setzt Verzicht voraus. Es schließt ein, dass wir nicht unseren Weg und unseren Willen durchsetzen wollen. Nicht dies oder jenes werden möchten, sondern uns ihm überlassen, wo und wie er uns brauchen will“ (Benedikt XVI, Homilie, Chrisammesse 09.04.2009). Der Ausdruck, „Einswerden“, erinnert uns daran, dass dies alles nicht unser Werk ist, Ergebnis unserer eigenen Anstrengung und Willenskraft, sondern das Werk der Gnade in uns: Es ist der Geist, der uns wesenhaft mit Christus, dem Priester, gleich gestaltet, und uns die Kraft gibt, bis zum Ende in dieser Teilhabe am göttlichen Leben und folglich am Werk Gottes auszuharren. Das „reine Opfer“, das Christus der Herr ist, ruft schließlich jedem von uns das unersetzliche Gut des Zölibates in Erinnerung, der die vollkommene Enthaltsamkeit für den König des Himmels und jene Reinheit einschließt, die unsere für die Menschen dargebrachte Opfergabe Gott wohlgefällig macht.

Möge das innige Einssein mit Jesus Christus und der Schutz der Seligen Jungfrau Maria, der „vollkommen Schönen“ und „ganz Reinen“, uns auf dem täglichen Weg der Teilhabe an jenem Werk stützen, das das eines Anderen ist. Hierin besteht der priesterliche Dienst. Wir sollen wissen, dass solche Teilhabe die Tür zum Heil ist – vor allem für uns, die wir diese Teilhabe leben: In diesem Sinne ist Christus unser Leben!

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 15. Oktober 2009, Kleruskongregation Rom)

 

Der heilige Pfarrer von Ars – Leuchtturm für uns
(Gedenktag der Hl. Rupert und Hl. Virgil,  Bischöfe und Glaubensboten)

Abschlussandacht bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Herrn.

Zur Zeit arbeiten über 400 000 Priester und Missionare weltweit in der Evangelisation. Vor ca. 1300 Jahren, als unser Land missioniert wurde, waren es vergleichsweise wenige, beispielsweise neben den heutigen Tagesheiligen Rupert und Virgil im Salzburger Land, hier bei uns der hl. Bonifatius und etwa 100 Jahre früher in Franken die irischen Glaubensboten Kilian, Kolonat und Totnan. Heute noch leben wir aus dem Glaubensfundus, den sie zugrunde gelegt haben.

Unser heiliger Vater hat anlässlich des 150. Todestages des heiligen Pfarrers von Ars, Jean Marie Vianney, ein Priesterjahr ausgerufen, das bewusst den Blick auf das Geschenk des Priestertums lenken soll. Die Krise der Kirche ist auch immer eine Krise der Priester. Der Mangel an Berufungen hat sicherlich auch etwas mit dem Rückgang der Strahlkraft von einzelnen Priestern zu tun. Darum kann uns der Blick auf diese ungewöhnliche Gestalt des Priesters, der "klein von Gestalt (war), hager und (von) einer linkischen Unbeholfenheit "[1] offensichtlich äußerlich gar nichts Faszinierendes hatte, auf das Wesentliche zurückführen.

Es war eine turbulente Zeit als der kleine Jean Marie Vianney 1786 als Kind einfacher Bauern in der Nähe von Lyon geboren wurde. Die erste Heilige Kommunion empfing er hinter verschlossenen Fensterläden, denn der Glaube durfte öffentlich nicht praktiziert werden. Bis zum 17. Lebensjahr war er noch Analphabet und arbeitete auf dem Bauernhof mit. Er war aber keineswegs auf den Mund gefallen, sondern offen und zupackend. Seine Liebe zum Priesterberuf wurde so stark, dass er alle Schwierigkeiten überwandt - und dank einiger weitsichtiger Priester und des zuständigen Bischofs - im Alter von 29 Jahren zur Priesterweihe zugelassen wurde.

In Frankreich hatte die Revolution viele Opfer gefordert und - wie Papst Benedikt XVI. schreibt - im nachrevolutionären Frankreich eine Art "Diktatur der Vernunft"[2] geschaffen. Doch die Gestalt dieses heiligen Priesters steht ganz konträr zu seiner Zeit.

Man vertraute ihm als Pfarrer nur ein abgelegenes kleines Dorf mit ca. 230 Seelen an. Sicherlich gab es auch da noch einige fromme Katholiken, aber im Grunde lebten die Menschen den üblichen Zeitgeist. Der Bischof warnte den neuen Pfarrer: "Es gibt in dieser Pfarrei nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen."[3] Und er tat es!

Was war das Geheimnis seines Erfolges? Wieso bekehrte er nicht nur seine Pfarrgemeinde, sondern machte weit über die Grenzen Frankreichs auf sich aufmerksam? Um sich diesem 'Wunder' zu nähern, müssen wir einen Blick auf die gläubige Persönlichkeit dieses Priesters werfen, die rationale Gründe durchbricht und in den Raum des Supranaturalen führt.

Zunächst fällt seine Christusliebe auf. In seiner Berufung zum Priestertum identifizierte er sich völlig mit Christus. Durch die Weihe sah er sich untrennbar mit ihm verbunden. Er wurde wirklich in dem Sinne ein "zweiter Christus" wie der Heilige Paulus sagte: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." (Gal 2,20)

Der Heilige Pfarrer von Ars war sich dabei seiner Unbedeutendheit und seiner Unvollkommenheit durchaus bewusst, aber gerade deshalb hatte er die größte Hochachtung vor dem Geheimnis des Priestertums. So sagte er: "Wenn wir Glauben hätten, würden wir Gott im Priester verborgen sehen wie ein Licht hinter dem Glas, wie den mit Wasser vermischten Wein."[4] Aus dieser Grundhaltung lebte er. Und so suchte er die Nähe Gottes, wo es möglich war: Im Gebet, in der Anbetung, in der Feier der Heiligen Messe. Die Menschen sahen ihn mehr in der Kirche als zu Hause. Er feierte die Heilige Messe so - wie ich es einmal in einer Sakristei über dem Ankleidetisch gelesen habe - "als ob es die erste, die einzige und die letzte Heilige Messe" wäre.

Die Menschen erlebten seine tiefe Ergriffenheit, seinen freudigen kindlichen Blick zum Tabernakel, sein Präsentbleiben in der Gegenwart des Herrn.

Des weiteren machte er durch seine Predigten auf sich aufmerksam. Die Menschen sogen seine Worte auf. Wenn man seine Predigten heute liest, ist man über die einfache Sprache und die leichte Verstehbarkeit seiner Gedanken erstaunt. Die Verkündigung verbindet sich zutiefst mit seiner Person. Er steht ganz hinter der Botschaft zurück, versteht sich nicht als 'Herr' des Wortes, sondern als dessen Diener. Er weiß, dass er nur die 'Stimme' des Wortes ist, nur der Resonanzboden, und dass, wie Papst Benedikt XVI. schreibt: "im Primat der Verkündigung Wort und Zeichen untrennbar sind."[5] Bei ihm können wir sehen, dass die Teilhabe am Opfer Christi auch die Verkündigung glaubwürdig macht. Wie oft mag der Heilige Jean Marie Vianney mit Christus gebetet haben: "Nicht was ich will, sondern was du willst soll geschehen"[6].

Weil dieser Heilige wusste, dass der Priester immer in und mit Christus für die Menschen da sein muss, setzte er sich über die Anbetung und die Verkündigung hinaus aktiv für den Menschen ein. Er verbrachte vielmehr so viele Stunden im Beichtstuhl zu, dass man sagen kann, dass es eine "einzige innere Bewegung - vom Altar zum Beichtstuhl"[7] gegeben hat. Man nannte später gar Ars "das große Krankenhaus der Seelen"[8].

In dieser Aufgabe des Guten Hirten, für die er sicherlich besonders mit der Gabe der Einfühlsamkeit und der Tiefensicht der vorgetragenen Schuld begabt war, opferte er sich täglich bis zu 16 Stunden auf. Auch damals hatte er am Anfang kein Gedränge vor dem Beichtstuhl. Je mehr jedoch die Menschen durch ihn erfuhren, wie sehr Gott sie liebte und wie sie durch die Sündenvergebung neue, freie Menschen wurden, desto mehr strömten sie herbei, aus ganz Frankreich, ja, schließlich sogar aus den verschiedensten Ecken Europas.

Die innere Motivation für seine Ausdauer im Beichtstuhl erklärte er selber: "Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selber läuft dem Sünder nach und lässt ihn zu sich zurückkehren."[9]

Dabei war es nicht so, als ob dieser heilige Pfarrer, der die Herzen der Menschen erreichte und dank Christi Handeln auch veränderte, vollends erfüllt und zufrieden gewesen wäre. Die vielen pfarrlichen und sozialen Aufgaben, die er wahrnahm, konnte und wollte er nicht allein bewältigen. Er forderte die Gläubigen auf, selbst tatkräftig an den vielen von ihm gegründeten Sozialeinrichtungen mitzuarbeiten. Man denke nur an die Bildungseinrichtungen für Kinder, eine Mädchenschule und das Waisenhaus Providence.

Und doch: Obwohl er sich bewundernswert in seelsorglichen und in sozialen Aufgaben tatkräftig und phantasiereich engagiert hatte, ist überliefert, dass er viermal versuchte, seiner Gemeinde zu entfliehen. Er kannte die Versuchung, sich der großen Verantwortung, die sein priesterliches Umfeld mit sich brachte, zu entziehen, nur zur gut. Wie gerne wäre er in ein beschauliches Kloster gegangen, um ganz und gar für Gott im Gebet bereit zu sein.

Er wusste aber auch um die Versuchung des Hirten, sich an den Zustand der Sünder zu gewöhnen und einfach nachzugeben. Deshalb pflegte er mit Wachen, Fasten und Selbst-Kasteien eine strenge Askese. Einem Mitbruder verriet er einmal: "Ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf, und den Rest tue ich an ihrer Stelle."[10]

Vielleicht werden nun einige sagen: Das mag ja damals gut und richtig gewesen sein. Aber hat sich die Welt bis heute nicht sehr verändert? Kann die Haltung dieses Pfarrers wirklich für uns Vorbild sein?

Sicherlich haben sich die historischen und sozialen Umstände geändert. In unserer globalisierten Welt haben wir neben den Problemen aus der Zeit des Pfarrers von Ars auch neue. Dazu gehört die weitgehende Entsakralisierung unseres Lebensumfeldes und statt dessen die zunehmende Akzeptanz des Funktionalen.

Dieser Versuchung können auch die Priester unterliegen. Die Angst: "Wir schaffen das ja doch nicht alles", vermag zu lähmen.

Bei einer wachsenden Aufgabe, auch unsere nächste Umgebung wieder neu zu missionieren, bei dem Zuwachs an pastoralen Pflichten - etwa in den Pfarreiengemeinschaften - und dem Erfahrenmüssen der eigenen Schwäche und Begrenzung der Priester, vermag auch bei den Gläubigen die sakramentale Einbindung des Priestertums in Jesus Christus als ihre eigentliche Kraftquelle in den Hintergrund zu treten. Dabei verbindet sich diese tiefe Gemeinschaft mit Christus immer mit den Aufgaben des Priesters als Resonanzboden Jesu Christi, auch Verkündigung und Sakramentenspendung mit dem eigenen Leben und Handeln in Einklang zu bringen. Die Verkündigung des kommenden Gottesreiches in unsere kleine Alltagswelt muss sicherlich einhergehen mit der Erfahrung, dass die Zeichen und Wunder, die Jesus als Erfahrungshintergrund dieser verkündeten Realität ermöglichte, auch bei uns nachvollziehbar werden. Dazu gehört, dass sich der Priester mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn voll identifiziert und angemessen auch die ‚evangelischen Räte' - Armut, Keuschheit und Gehorsam - lebt und damit Zeichen des anbrechenden Gottesreiches frei gibt. Ich bin überzeugt, wir haben heute viel mehr Möglichkeiten, die Frohbotschaft aufstrahlen zu lassen, als uns dies unter der täglichen Last bewusst wird. Ein solcher Weg der Zeugenschaft ist heute gefragt. Mehr als die beeindruckende Wissenschaft vermag das persönliche Zeugnis das Herz der Menschen zu erreichen. Auch die Missionare, in deren Tradition wir stehen, die Tagesheiligen Rupert und Virgil, der Heilige Bonifatius und der Heilige Kilian und seine Gefährten überzeugten die Menschen in unserem Land durch ihre Glaubwürdigkeit, die auf ihrem persönlichen Glauben und dessen Strahlkraft beruhte. Zeugenschaft drückt nicht und engt nicht ein. Vom Pfarrer von Ars wird gesagt, dass er trotz aller Zeichen der Askese eine "kaum bestimmbare Fröhlichkeit in seinen Gesichtszügen"[11] gehabt habe, eine Freude, die von Gott kommt.

"Die Liebe Christi hat uns in Besitz genommen, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben", schreibt der heilige Paulus, und er fährt fort: "Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich selber leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde."[12]

Das ist die bleibende Herausforderung für alle Gläubigen, aber insbesondere für uns Priester - und unsere große Chance!
Amen.
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[1] Läufer, Erich: "Der Seelsorger, der in die Herzen schaute", Kirchenzeitung Köln, 31-32/09.
[2] Vgl. z.B. die Ansprache während der Generalaudienz vom 05. August 2009.
[3] Papst Benedikt XVI.: Schreiben zum Beginn des Priesterjahres anlässlich des 150. Jahrestages des 'Dies natalis' von Johannes Maria Vianney.
[4] Papst Benedikt XVI. in der Generalaudienz vom 24.06.2009.
[5] Ebd.
[6] Mk 14,36.
[7] Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Beginn des Priesterjahres 2009. A.a.O.
[8] Ebd. Fußnote 20.
[9] Ebd. Fußnote 22.
[10] Ebd. Fußnote 24.
[11] Läufer, Kirchenzeitung Köln, a.a.O.
[12] Vgl. 2 Kor 5,14/15. tragen.

(Predigt S.Ex. Bischof Friedhelm Hofmann, 24. September 2009, Dom zu Fulda ~ Quelle: DBK.de, 25.09.2009)

 

„Seid ihr bereit, in der Verkündigung des Evangeliums und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft [digne et sapienter] zu erfüllen?"

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconorum,
editio typica altera, Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

 

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!

Die "Neuevangelisierung" ruft einen jeden zu immer neuem Einsatz im Apostolat und in der Verkündigung auf. In diesem Sinne ist der Auftrag des Herrn an die Apostel ausdrücklich und unmißverständlich: "Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet" (Mk 16,15-16a). Die während der Priesterweihe übernommene Pflicht besteht genau darin, "den Dienst am Wort zu erfüllen", das heißt, sein ganzes Leben herzugeben, um Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, zu verkündigen, - ihn, den Auferstandenen von den Toten, die einzige echte Antwort auf die Bedürfnisse des menschlichen Herzens.

Die Sorge um den "Dienst am Wort" kann nicht einfach die Sorge einiger Priester sein, die sich besonders zu dieser Aufgabe berufen fühlen. Sie ist eine charakteristische und unverzichtbare Eigenschaft des priesterlichen Dienstamts und bildet einen wesentlichen Teil jenes munus docendi, das der Priester vom Geist im Sakrament der Weihe empfangen hat.

Der Ritus sieht vor, daß sich der Priester in diesem Dienst "treu" und "gewissenhaft" [digne et sapienter] einsetzt. Die Würde verweist unmittelbar auf den Gegenstand der Verkündigung: Jesus Christus, den Heiland. Kein Priester verkündet sich selbst oder seine eigenen Ideen, ebensowenig personalistische oder subjektive Interpretationen des einen ewigen Evangeliums. Wir sind berufen, die höchste "Würde" dessen anzuerkennen, zu dessen Überbringer wir geworden sind, und folglich in "würdiger" Weise diesen Dienst zu erfüllen. Ein derartiges Bewußtsein muß zum Bemühen um eine ständige Vertiefung der Heiligen Schrift führen, denn sie ist "Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde" (Dei verbum, 9); gewiß handelt es sich dabei um eine exegetisch-theologische, vor allem aber jedoch um eine geistliche Vertiefung. Wahre Schriftkenntnis ist jene des Herzens, sie entsteht im täglich vertrauten Umgang mit ihr, sie ist Frucht der Lectio divina, die im Geist der großen Tradition der Kirchenväter getan wird; sie geht aus der tiefen Betrachtung hervor, die schrittweise, aber wirksam die Seele dem Evangelium gleichgestaltet und jeden Priester in ein „lebendiges Evangelium" verwandelt. Wir wissen wohl: "Das Evangelium ist im letzten nicht bloß Wort - Christus selbst ist das Evangelium" (Benedikt XVI., Predigt am 12.9.2009). Wir sind dazu berufen, uns ihm gleich zu gestalten, auch durch die Ausübung des Dienstes der Verkündigung.

Neben der Würde eines derartigen Dienstes verweist die heilige Liturgie auf das Merkmal der "Gewissenhaftigkeit". Diese setzt Klugheit sowie die Fähigkeit voraus, die Wirklichkeit ansatzweise in allen ihren Faktoren zu überblicken. Dabei verabsolutiert sie menschliche Gesichtspunkte nicht, sondern setzt alles in Beziehung zu dem einzigen Absoluten, Gott. Eine gewissenhafte Verkündigung trägt vor allem den wirklichen Bedürfnissen derer Rechnung, an die sie gerichtet ist; nie zwingt sie dabei willkürliche, noch zu kurz greifende Interpretationen auf, sondern begünstigt immer das, was allein notwendig ist: die wirkliche Begegnung der unserer Sorge anvertrauten Brüder und Schwestern mit Gott. Die Gewissenhaftigkeit ist imstande, sich auf Umstände und Zeiten einzustellen, die rechten Modalitäten zu finden, sie ist demütig und läßt es nicht zu, daß sich der Verkünder über den erhebt, den er verkündigen soll; ebenso wenig erhebt er sich über die Kirche, die seit 2000 Jahren das Evangelium lebendig bewahrt. Schließlich bedeutet die gewissenhafte Erfüllung des "Dienstes am Wort" auch, daß man sich bei der Verkündigung immer ganz klar des Wirkens Gottes bewußt ist: Er ist es, der die Herzen vorbereitet, er ist es, der den Menschen begegnet, er ist es, der die Blüten der Umkehr aufkeimen und die Früchte der Liebe reifen läßt. Allein uns selbst gegenüber dürfen wir "relativistisch" eingestellt sein: Als Verkünder müssen wir ganz "auf Gott Bezug nehmen"!

Auf diese Weise werden wir entdecken, wie wirksam und schön der Dienst ist, der uns mit der Verkündigung des Wortes anvertraut ist. Wir werden wahrnehmen, wie der Herr uns im Innern begleitet, wie er den freudigen Geber liebt, wie er seinen Diener nie allein läßt; wir werden mit Rührung die Früchte betrachten, die er schenkt, und wir werden seine Begleitung auch dann wahrnehmen, wenn wir an unserem Kreuz tragen.

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 12. September 2009, Kleruskongregation Rom)

 

Der Priester und die Herausforderungen des 21. Jhdts.

Interview mit einem Mitarbeiter des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur

Für Priester ist es hart, die Aufgabe, die Gott ihnen anvertraut hat, zu erfüllen. Aber es gibt Hilfsmittel, die sowohl den Pfarreien als auch ihren Hirten helfen, die richtigen Prioritäten im Blick zu behalten. Das erklärt Franziskanerpater Nikolaus Schöch, Mitarbeiter des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur, im vorliegenden Interview.

Anlässlich des aktuellen Priesterjahres spricht er über die Herausforderungen, die Priestern heute begegnen, und über die Eigenschaften, die die Pfarren besonders auszeichnen sollten. Der Franziskaner wies insbesondere darauf hin, wie wichtig es ist, die Freundschaften zwischen Priestern unterschiedlicher Generationen zu fördern.

Was ist heutzutage der wichtigste Dienst, den ein Priester für seine Gemeinde leisten sollte?

P. Schöch: In ihrem Dienst scheinen die Priester heute unter einer immer größer werdenden Menge an pastoralen Aktivitäten zu leiden. Gleichzeitig sind sie mit den Fragen der heutigen Gesellschaft und Kultur konfrontiert. Daher tendieren sie, ihren Lebensstil und ihre Prioritäten in der pastoralen Arbeit neu zu überdenken, während sie den anwachsenden Bedarf an permanenter Weiterbildung sehen.
In dieser Hinsicht muss er sich im Hinterkopf behalten, dass die Pfarrei selbst – und manchmal auch die Diözese – trotz ihrer Autonomie nicht isoliert bleiben kann, zumal in diesen Zeiten so viele Transport- und Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen. Die Pfarreien sind lebendige Glieder des einen und einzigen Leibes Christi, der einen und einzigen Kirche, die sowohl die Mitglieder der örtlichen Gemeinden willkommen heißt und ihnen dient, als auch all denen, die aus welchem Grund auch immer von außen dazu stoßen. Normalerweise sollte dies nicht zu einem Durcheinander führen oder zu belanglosen Fehlern in der Sprache des Kanonischen Rechts, das beabsichtigt, den pastoralen Aktivitäten zu dienen.
Die Aufgabe des Pfarrers als Hirte, der die Gemeinde leitet, entstammt ebenfalls seiner besonderen Beziehung zu Christus, dem Haupt und Hirten. Dies ist eine sakramentale Funktion. Sie ist dem Priester nicht durch die Gemeinde anvertraut worden, sondern vielmehr durch den Herrn selbst, durch den Bischof.

Welche Richtlinien sollte es für die Pfarreien geben, um eine angemessene Organisation und die Aufmerksamkeit der Gläubigen zu gewährleisten?

P. Schöch: Bei den liturgischen Feiern und Diensten einer Pfarrei muss die Aufmerksamkeit auf die Mobilität der Leute gerichtet werden, ebenso auf die Zusammenkünfte vieler Menschen an bestimmten Orten, und die neue allgemeine Anpassung an Trends, Gewohnheiten, Moden und Zeitpläne.
Wenn der Priester die Zeitpläne für die Messen und Beichtzeiten erstellt, dann sollte er den für die meisten seiner Gläubigen besten Zeitplan berücksichtigen. Gleichzeitig sollte er jenen den Zugang zu den Sakramenten erleichtern, die besondere Zeitbeschränkungen haben. Die Terminpläne sollten nicht so sehr am Priester orientiert sein, sondern an den Bedürfnissen der Menschen, wobei vor allem Arbeits- und Schulzeiten zu berücksichtigen sind.
So ist es zum Beispiel wenig sinnvoll, das Sakrament der Versöhnung zu einer Zeit anzubieten, in der die meisten arbeiten, und nur ältere Menschen die Möglichkeit haben, es in Anspruch zu nehmen.

Welche Kriterien sollten Priester für die effektive Leitung ihrer Pfarreien beachten, während sie danach bestrebt sind, Seelen zu retten?

P. Schöch: Insofern er Anteil am direkten Handeln Christi, dem Haupt und Hirten, über seinen Leib hat, ist der Priester besonders mit der Kapazität ausgestattet, von einem pastoralen Gesichtspunkt aus gesehen der „Punkt der Gemeinschaft“ zu sein: „Die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft zu machen, darin liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tief greifenden Erwartungen der Welt entsprechen wollen“ (Novo Millennio Ineunte, 43).
In einer Zeit, in der es eine Menge Konzilien gibt, ist es notwendig, sich bewusst zu bleiben, dass der Pfarrer die persönliche Verantwortung im Leiten einer Pfarrei innehat. Andererseits verlangt seine leitende Funktion auch, dass er ein Mann ist, der die gesamte Pfarrei vereinigt, und nicht – trennend – zu bestimmten Gläubigen oder Gruppen besonders freundlich ist. Er muss ein Mann sein, der die Reichen mit den Armen verbindet, Intellektuelle mit einfachen Menschen, junge Leuten mit den Älteren, Müttern mit allein stehenden Frauen, Geweihte mit Laien, Konservative mit Progressiven usw.
Kein Pfarrer kann dieser Sendung isoliert oder ganz auf sich allein gestellt vollständig gerecht werden. Er muss seine Kräfte mit anderen Priestern unter der Leitung kirchlicher Autoritäten vereinigen. In Zukunft wird die Zusammenarbeit unter Priestern verschiedener Pfarreien immer wichtiger werden; ebenso die Zusammenarbeit zwischen Pfarrern und ihren Vikaren, dem diözesanen Klerus und den Mitgliedern des Instituts des geweihten Lebens, dem Klerus und dem Laienstand.
Beidseitiges Verständnis und Mithilfe, und auch Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Priestern sind wünschenswert und sollten besonders gefördert werden: Beides ist gleichermaßen notwendig für die christliche Gemeinde und wird von den Bischöfen und dem Papst geschätzt.
Das Zweite Vatikanische Konzil empfiehlt, dass ältere Priester Verständnis und Sympathie für die Initiativen jüngerer Priester zeigen; und es rät den Jüngeren, die Erfahrung älterer Priester zu respektieren und ihnen zu vertrauen. Es regt dazu an, dass sie einander mit aufrichtiger Zuneigung begegnen und dem Beispiel so vieler Priester von gestern und heute folgen. Die Pfarrer und andere Priester mitsamt den Gläubigen sind dazu aufgerufen, jeden Tag ihres Lebens die Gemeinschaft zu bezeugen.

Wie können Laien an der pastoralen Entwicklung der Pfarrgemeinde mitarbeiten?

P. Schöch: Der Pfarrer ist nicht verpflichtet, alle Initiativen der Pfarrgemeinde persönlich durchzuführen. Vielmehr soll er dafür sorgen, dass sie zum Wohl der Menschen ausgeführt werden, dass sie im Einklang mit der Lehre der Kirche stehen, gemäß den jeweiligen Umständen und immer unter seiner Leitung.
Das Ideal ist nicht eine Pfarrei, in der der Priester alles tut. Der Priester sollte den Laien helfen, ihre spezifische Berufung in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen zu entdecken und zu verwirklichen. Der Heilige Geist ist es, der diese Gemeinschaft bewirkt und den Priester in diese Gemeinschaft des Volkes Gottes integriert. Da der Heilige Geist den gesamten Bereich des Daseins erfüllt und begründet, so durchdringt und formt er auch die besondere Berufung jedes Menschen. Dem entsprechend ist die besondere Spiritualität von Priestern, Ordensleuten, Eltern, Unternehmern, Katechisten usw. geformt und entwickelt. Jede Berufung hat einen konkreten und unverwechselbaren Weg, die eigene Spiritualität zu leben, die den übernommen Aufgaben Tiefe und Begeisterung verleiht.
Das Apostolat der Laien wird hauptsächlich innerhalb von Gemeinschaften und Bewegungen verwirklicht, die sich in Übereinstimmung mit der Kirche und im Gehorsam gegenüber den pastoralen Richtlinien einbringen. Diese Gemeinschaften von Gläubigen sollten ermutigt und unterstützt werden. Innerhalb der Pfarrstruktur sollte jedoch jede Form von exklusiven oder abgesonderten Aktivitäten seitens einzelner Gruppen vermieden werden.
Andererseits sind die Pfarreien wie die Gemeinschaften nicht vor inneren Gefahren gefeit wie Bürokratisierung, Funktionalismus, Demokratismus oder einer Planung, die den Fokus mehr auf die Verwaltung als auf pastorale Initiativen setzt.

Was ist die größte Herausforderung eines Pfarrers in der heutigen Gesellschaft?

P. Schöch: Jede Pfarrei muss von der umfassenden Perspektive der Diözese her betrachtet werden und nicht umgekehrt. Es muss eine angemessene Manifestation von Laien, Ordensleuten und anderen geweihten Personen in der Kirche geben, sowohl innerhalb der christlichen Gemeinschaft, als auch in der ganzen Welt.
Das Bewusstsein wächst, dass es neben den Problemen, die die postmoderne Kultur mit sich bringt, einen hoher Prozentsatz an nicht praktizierenden Katholiken gibt, einen aus verschiedenen Gründen drastischen Abfall jener Leute, die meinen, Katholiken zu sein. Gleichzeitig gibt es eine außergewöhnlich starke Zunahme an so genannten evangelikalen Pfingstsekten und anderen Sekten.
Angesichts dieser Situation sollte es eine dringliche und großherzige Antwort auf die Aufforderung Benedikts XVI. in Brasilien geben, eine echte „Mission" durchzuführen, die besonders all jene in den Blick nimmt, die - wenngleich getauft - aus verschiedenen Gründen nicht ausreichend mit der Botschaft des Evangeliums konfrontiert worden sind.
Für diese Sendung müssen wir alles tun, was uns die Kommunikation in die Hand gibt. So können wir die Ausbreitung einer Kultur verhindern, die versucht, Gott zu verwerfen; einer Kultur, die vom Relativismus, von religiöser Gleichgültigkeit und Agnostizismus geprägt ist, und mitunter auch von einem militanten religionsfeindlichen Säkularismus.

Die pastorale Arbeit in der Pfarrgemeinde ist oft sehr vielfältig und gestaltet sich je nach der konkreten Situation unterschiedlich. Welche Aspekte pastoraler Tätigkeit sollten heute Priorität haben, wenn man an die Zukunft denkt?

P. Schöch: Ich denke, dass die sieben pastoralen Prioritäten, die der Diener Gottes Johannes Paul II. in seinem Schreiben Novo Millenio Ineunte hervorgehoben hat, nach wie vor gültig sind: Heiligkeit, Gebet, die sonntägliche Eucharistie, das Sakrament der Versöhnung, der Vorrang der Gnade, das Hören des Wortes und die Verkündigung des Wortes.
Gemäß dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars und anderer beispielhafte Hirten ist das Herz der Pastoraltätigkeit des Pfarrers die Spendung der Sakramente, insbesondere die der Eucharistie und der Buße.
Unter den vielen Initiativen, die in Pfarrgemeinden zu finden sind, ist keine so entscheidend und für die Gemeinde so prägend wie die sonntägliche Feier des Tages des Herrn und seine Eucharistie. Letztlich gründet ja jede Pfarrgemeinde auf einer theologischen Wirklichkeit, weil sie eine eucharistische Gemeinschaft ist.
Aus diesem Grund empfiehlt das Zweite Vatikanische Konzil, dass die Hirten dafür sorgen, dass die Feier des eucharistischen Opfers das Zentrum und der Höhepunkt des gesamten Lebens der christlichen Gemeinde ist (vgl. Christus Dominus, 30). Das bedeutet, dass die Pfarrgemeinde eine Gemeinschaft ist, die für die Feier der Eucharistie gut gerüstet ist, die die lebendige Quelle ihres Aufbaus und das sakramentale Band ihrer Existenz in voller Gemeinschaft mit der ganzen Kirche ist.
Die Pfarrer sollten sich mit besonderer Aufmerksamkeit der persönlichen Beichte widmen, gemäß dem Geist und der Methode, die von der Kirche festgelegt wurde, und ebenso der geistlichen Begleitung all jener Gläubigen, die dies wünschen. Niemand kann langfristig evangelisieren, ohne Gott den Vorrang zu geben und ohne inneres Leben. Die moralische und soziale Krise unserer Zeit mit ihren problematischen Folgen für die Menschen und die Familien verstärkt die Notwendigkeit des priesterlichen Beistands im geistlichen Leben. Die Priester sollten nachdrücklich dazu ermutigt werden, dem Dienst der Beichte und der geistlichen Begleitung eine neue Anerkennung und feurigen Eifer entgegenzubringen, gerade auch aufgrund des neuen Bedarfs unter den Laien, die mehr dem Weg christlicher Vollkommenheit folgen wollen, der im Evangelium dargelegt wird.
Und im Kontext des Priesterjahres, das ja vor kurzem begonnen hat, gehört auch die Aufmerksamkeit für Berufungen zum Priestertum und geweihten Leben zu den pastoralen Prioritäten.

Wie können Priester in einer globalen Gesellschaft den heiligen Pfarrer von Ars, Johannes-Maria Vianney, in ihrem priesterlichen Dienst nachahmen?

P. Schöch: In einer Welt, in der die allgemeine Sicht des Lebens immer weniger Verständnis für das Heilige zu haben scheint und in der die „Funktionstüchtigkeit" das einzig wichtige Kriterium wird, lauft die katholische Sicht vom Priestertum Gefahr, ihre natürliche Vorstellung zu verlieren - manchmal sogar innerhalb kirchlicher Kreise.
Die Pfarrgemeinde von Ars war sehr klein; ihr gehörten nur 230 ärmliche Kleinbauern an. Der heilige Johannes Vianney half jedoch nicht nur den kranken Priestern benachbarter Pfarreien, sondern bot zudem ständig seine Dienste als Beichtvater und Seelenführer an - für Tausende von Gläubigen, die in immer größer werdenden Scharen aus ganz Frankreich herbeiströmten.
Oft werden sowohl in theologischen Kreisen, als auch in der konkreten pastoralen Praxis und in der Priesterausbildung zwei verschiedene Sichtweisen des Priestertums unterschieden, die auch manchmal in Konfrontation geraten. Benedikt XVI. sprach diesbezüglich:
a) von einer sozial-funktionalen Sichtweise, die die Natur des Priestertums als „Dienst" an der Gemeinde in der Erfüllung einer Funktion definiert. Die Sichtweise des Dienstes ist dem Primat des Wortes zugeordnet und dem Dienst, es zu verkünden; und
b) von der ontologisch-sakramentalen Sichtweise, die - ohne den Dienstcharakter des Priestertums zu leugnen - „das Priestertum in der Existenz des Dienstes betrachtet, einer Existenz, die durch eine Gabe vermittelt wurde, die ein Sakrament genannt wird, und die ihm vom Herrn durch die Kirche verliehen wurde" (vgl. J. Ratzinger, „Leben und Dienst der Priester", in: „Elementi di Teologia fondamentale. Saggio su fede e ministerio", Brescia 2005, S.165).
Die ontologisch-sakramentale Sichtweise ist dem Primat der Eucharistie zugeordnet, im zweifachen „priesterlichen Opfer".

Welche Aufgabe sollte die Pfarrgemeinde in der heutigen Welt erfüllen? Oder ist sie eine veralterte Institution?

P. Schöch: Die Pfarrgemeinde ist eine ganz konkrete „communitas christifidelium" (Gemeinschaft von Christgläubigen), die innerhalb einer bestimmten Ortskirche ihren beständigen Platz hat und deren pastorale Aufgabe einem Pfarrer als verantwortlichen Hirten unter der Autorität des Diözesanbischofs anvertraut ist. Daher wird die Pfarrei immer ihre Gültigkeit behalten, immer eine Zukunft haben. Die Pfarrei ist nicht dazu bestimmt zu verschwinden.
Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Bedarf für Veränderungen gibt. In einigen Teilen Europas gibt es Pfarrgemeinden, die über tausend Jahre alt sind und deren Grenzen über die Jahrhunderte hinweg unverändert geblieben sind. Es sollte kaum überraschen, wenn sich Pfarreien zusammenschließen, da in einigen Regionen die Pfarrmitglieder infolge von Migration weniger werden bzw. da die Pfarrgebiete hauptsächlich von Nicht-Katholiken bewohnt werden.
An anderen Orten ist der Klerus unzureichend, um alle Dienste eines Pfarrers zu gewährleisten. In vielen Diözesen Afrikas und Lateinamerikas ist die große Aufgabe, überbevölkerte Pfarrgemeinden aufzutrennen, um die Gläubigen besser betreuen zu können, nach wie vor unerledigt.
Stadtgemeinden sind überbevölkert. Für einen Pfarrer mit 100.000 Pfarrmitgliedern ist es unmöglich, seine Herde persönlich zu kennen. Solche Pfarreien müssen in kleinere und übersichtlichere Einheiten aufgeteilt werden.
Ein Priester aus meiner Heimat war Pfarrer in einer ländlichen Pfarrgemeinde in Bolivien, die größer war als eine bestimmte europäische Diözese und 50 Gemeinschaften umfasste. Auch in solchen Fällen sollten neue Pfarrgrenzen gezogen werden, um die pastorale Arbeit zu vereinfachen und näher bei den Gläubigen zu sein.
Pfarrgemeinden haben zweifelsohne eine Zukunft. Der Punkt ist, wie viel Neustrukturierung in manchen Regionen erforderlich sein wird, damit sie in der Lage sind, ihre Aufgaben zu bewältigen. In Zukunft wird es aufgrund von Verkehr und Kommunikationsmitteln nötig sein, die Zusammenarbeit zwischen den Pfarreien zu verbessern.
In einigen europäischen Ländern entstehen „pastorale Einheiten", die wiederum aus mehreren Pfarrgemeinden bestehen. Sie werden von ihrem Bischof aufgefordert, wirksame „missionarische Gemeinschaften" zu bilden. Diese Pfarreinheiten arbeiten innerhalb eines bestimmten Gebiets als Teil des diözesanen Pastoralplans. Folglich ist dies eine Form der Zusammenarbeit und Koordination zwischen zwei oder mehreren angrenzenden Pfarreien. Pfarrgemeinden werden also nicht abgeschafft, sondern ihre Zusammenarbeit wird gefördert.

(Quelle: Zenit v. 04./09.09.2009)

 

»Seid ihr bereit, die Mysterien Christi... gemäß der kirchlichen Überlieferung zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes in gläubiger Ehrfurcht [pie et fideliter] zu feiern?«

(Pontificale Romanum. De Ordinatione Episcopi, presbyterorum et diaconorum,
editio typica altera, Typis Polyglottis Vaticanis 1990)

 

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!

Das Amt, das der Herr uns durch die Vermittlung der Kirche anvertraut hat, besitzt im Munus Sanctificandi einen besonderen und unersetzlichen Grundvollzug. In der Feier der »Mysterien Christi«, die auch auf existentielle Weise den Einsatz der besten und sich dabei gleichsam »verzehrenden« Kräfte des Apostolats erkennen lassen und erkennen lassen müssen, verwirklicht sich dieser Vollzug.

Jenes »Feiern«, zu dem wir uns verpflichtet haben, ist nicht etwas, was vom aktiven Apostolat und der Sendung zu »trennen« wäre: das Werk Gottes vollzieht sich gerade durch die Heiligung seines Volkes. Heiligung »geschieht« in der Feier der Geheimnisse Christi, die jeweils auf Wesen mit geschaffener Freiheit treffen. Zu oft ist unrechtmäßigerweise jene Wahrheit vernachlässigt worden, nach der eben durch die Feier der Geheimnisse immerfort das von Christus, dem Herrn, gewirkte Heil in der Gegenwart wirksam wird.

Die Kirche fordert von ihren Dienern, »pie et fideliter« zu feiern. Die beiden Adjektive beziehen sich auf die innere und die äußere Haltung, die bei der Feier vorherrschen sollte. Die pietas – ein edles menschliches Gefühl – ist weit davon entfernt, eine leere Frömmelei zu meinen; sie verweist unmittelbar auf jenen hohen Sinn des Adels und der Religiosität, der Anerkennung und der Achtung des Heiligen, der die Ausübung des Munus Sanctificandi auszeichnen muß. Frömmigkeit und Hingabe, devotio – das heißt Aufopferung seiner selbst –, sind Gefühle, die typisch sind für den, der wirklich in den Herrn verliebt ist und »dessen Dinge« mit jener Achtung und Zartheit behandelt, die das Herz ohne die geringste Anstrengung für den Geliebten für angebracht erachtet! Die Treue wird einerseits von der Achtung der Form bestimmt, die die Kirche für die Feier der Geheimnisse festgelegt hat; dabei handelt es sich um eine objektive, universale und nie willkürliche Form, die einem Ort oder persönlichen Erfordernissen entsprechend gebeugt werden dürfte. Andererseits gehört zur Treue die »Beständigkeit«, mit der die Geheimnisse gefeiert werden. Die Liturgie, die vor allem göttliches Werk ist, lebt weniger von »subjektiver Kreativität« als vielmehr von jener treuen Wiederholung, die nie eine Schwere zutage treten läßt, sondern Gottes Treue selbst räumlich und zeitlich zum Ausdruck bringt. Kreativ sein bedeutet daher vielmehr, ein Herz zu besitzen, das immer neu, weil verliebt, ist.

Die Geheimnisse werden »zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes« gefeiert: die Ordnung der Faktoren ist nicht zufällig, obwohl diese gleich-wesentlich bleiben. Wir feiern immer »zum Lobe Gottes«, das heißt innerlich hingewandt zum Herrn, in jener Vertikalität, die der feierlichen Handlung eignet, die ein zur Ewigkeit hin offenes »Fenster« und ein Einbrechen des Ewigen in die Zeit ist. Der Priester ist weniger »Gestalter« des Gebets, als vielmehr derjenige, der beten muss: das Gebet wird nämlich dadurch »beseelt«, daß man betet und mit Taten aufzeigt, wie unersetzlich die Zentralität des Gebetes ist. »Zum Lobe Gottes« verweist auch auf die Anerkennung der Herrlichkeit des Herrn innerhalb des Gottesdienstes: die Sorgfalt in der Liturgie, die Auswahl der Lieder und der Musik, die Vorbereitung des Altares, die Schönheit der liturgischen Gewänder und der Einrichtung – alles trägt dazu bei zu sagen, »wem« wir gehören und was uns wirklich am Herzen liegt; alles bringt zum Ausdruck, zu wem wir beten und was wir feiern. All dies fällt dann wie ein Regen, wie ein »erquickender Tau« auf das heilige Volk Gottes hernieder, für das die Mysterien des Herrn gefeiert werden, eben »zur Heiligung«! Das Leben des Priesters ist zutiefst »gottesdienstlich« – alle Getauften sollen durch das Weiheamt dazu angeleitet werden, ihr Dasein Gott aufzuopfern, »als Opfer, das Gott gefällt« (Eph 5,2).

All dies soll »gemäß der kirchlichen Überlieferung« geschehen. Darin besteht die Wirksamkeit und manchmal sogar die Gültigkeit der Feier der Geheimnisse: daß sie »gemäß der kirchlichen Überlieferung« stattfinden: eingesenkt in eine zweitausendjährige Geschichte, die abseits von jedem Hang zur Selbstdarstellung in Jesus Christus ihren Ursprung und in seiner durch die Kirche fortgesetzten Gegenwart in der Welt ihren Sinn hat. Die Vergangenheit legt ein sehr kostbares Erbe in unsere Hände, und wir sind dazu berufen, es unseren Brüdern unversehrt in seinem Reichtum und – wenn es der Heilige Geist und die übernatürliche Gnade gestatten – bereichert durch unseren Glauben und unser Zeugnis weiterzugeben (tradere).

Diese Vertikalität, Frömmigkeit, Treue und dieser Gehorsam gegenüber der kirchlichen Überlieferung gewährleisten erst die echte Verwirklichung des Priesters, der seines Zeichens dazu da ist, um »die Mysterien Christi« zu feiern.

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 15. August 2009, Kleruskongregation Rom)

 

Die Heiligkeit ist immer aktuell

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

zum 150. Jahrestag des Eingangs des heiligen Jean-Marie Battiste Vianney in die Ewigkeit (04. August 1859 - 2009), möchte ich erneut einem jeden von Ihnen meine Segenswünsche zum Priester-Jahr zukommen lassen!

Nicht im Vollbringen irgendwelcher außerordentlichen Werke, sondern in der treuen Ausübung des Dienstes im Alltag sticht der Pfarrer von Ars unter uns als herausragende Gestalt priesterlicher Heiligkeit hervor; Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er für Frankreich, wie auch für die Kirche aller Orte und Zeiten zum Vorbild und „Leuchtfeuer“; so spendet er einem jeden von uns Trost und Hoffnung, selbst wenn unser priesterliches Engagement an einer gewissen „Kraftlosigkeit“ leiden sollte.

Sein völliges Engagement spornt uns zur freudigen Hingabe an Christus und die Mitbrüder an, damit der priesterliche Dienst stets jene Weihe transparent widerspiegelt, welche aus der Kraft hervorgeht, die dem Aussendungsbefehl selbst innewohnt und hierdurch alle Fruchtbarkeit im pastoralen Dienst schenkt!

Seine Liebe zu Christus, die auch die Charakterzüge einer ehrlichen und überaus menschlichen Zuneigung besaß, darf uns Anregung sein, um uns immer tiefer in „unseren Jesus“ zu „verlieben“: Mögen wir sein Antlitz jeden Morgen suchen, möge er der Trost sein, der uns am Abend erfüllt, – die Erinnerung an ihn und seine Nähe möge uns den Tag über bei jedem Atemzug begleiten. Dem Beispiel des heiligen Jean Marie Vianney folgend als Menschen leben, die in den Herrn verliebt sind, bedeutet, dass es uns gelingt, stets missionarisch engagiert zu sein, was uns langsam aber sicher zu lebendigen Abbildern des Guten Hirten und auch desjenigen macht, der der Welt verkündet hat: „Seht, das Lamm Gottes“.

Der Pfarrer von Ars geriet während der Feier der heiligen Messe wirklich in geistliche Verzückung. So möge sich ein jeder von uns ausdrücklich eingeladen fühlen, sich des großen Geschenkes, das uns anvertraut wurde, bewusst zu sein: dieses Geschenk entlockt uns wie dem heiligen Ambrosius die Worte: »…Und wir, die wir zu solcher Würde erhoben wurden, den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus zu konsekrieren, können alles von Seiner Barmherzigkeit erhoffen!«.

Seine heroische Hingabe bei der Abnahme des Beichtsakramentes, die von einem ehrlichen Geist der Sühne erfüllt und von dem Bewusstsein genährt war, berufen zu sein, an der „stellvertretenden Wiedergutmachung“ des einzigen Hohenpriesters teilzunehmen, möge uns anspornen, die Schönheit und Notwendigkeit der Feier des Versöhnungssakraments wiederzuentdecken – was durchaus auch auf uns Priester angewendet werden kann. Wie wir wissen, ist dieses Sakrament immer wieder der Ort, an dem man die Großtaten Gottes auf reale Weise in den Seelen, die Er auf sanfte Weise fasziniert, leitet und bekehrt, betrachten kann; wer sich selbst dieses „wunderbaren Schauspiels“ beraubt, legt sich ungerechterweise nicht nur gegenüber den Gläubigen sondern auch gegenüber dem eigenen priesterlichen Dienst einen nicht wieder gutzumachenden Verzicht auf, da dieser durch das Staunen genährt wird, das immer dann entsteht, wenn das Wunder geschieht, dass die menschliche Freiheit gegenüber Gott „Ja“ sagt!

Schließlich möge uns – sowohl in diesem Priester-Jahr als auch stets – die mit rührenden Details dotierte kindliche Liebe des heiligen Pfarrers von Ars zur seligen Jungfrau Maria als Beispiel dienen. Er zögerte nicht, sich selbst und seine ganze Pfarrei der Gottesmutter zu weihen. Auf diese Weise werden wir in unserem Vaterherz sozusagen mit hartnäckiger Treue den Widerhall von Mariens „Hier bin ich“ erzeugen: Das war ihr „Ein für allemal“, das allein wirklich Maß unserer priesterlichen Existenz sein kann.

Ihnen allen ein frohes Fest am Gedenktag des hl. Jean Marie Vianney!

(Schreiben S.Ex. Titularerzbischof Mauro Piacenza an die Priester, 4. August 2009, Kleruskongregation Rom)

 

Jesus sagte: »Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten,  sondern um sie zu retten« (Joh 12,47)

 

Liebe Priester!

Die heute dominierende westliche Kultur, die sich in der Welt über die globalisierten Kommunikationsmittel und die Mobilität der Menschen auch in den Ländern mit einer anderen Kultur immer mehr ausbreitet, stellt die Evangelisierung vor neue und sehr anspruchsvolle Herausforderungen. Es handelt sich um eine Kultur, die zutiefst von einem Relativismus gezeichnet ist, der jede Behauptung einer absoluten und transzendenten Wahrheit ablehnt, daher auch die Grundlagen der Moral zerstört und sich der Religion verschließt. So geht die Leidenschaft für die Wahrheit verloren, ja, sie wird als »nutzlose Leidenschaft« abgestempelt. Andererseits aber stellte sich Jesus Christus gerade als die Wahrheit, der universale Logos, die Vernunft vor, die alles Seiende erhellt und verdeutlicht. Den Relativismus begleitet dann ein individualistischer Subjektivismus, der das eigene Ich zum Mittelpunkt aller Dinge macht. Schließlich gelangt man zum Nihilismus, laut dem es nichts und niemanden gibt, für den es sich lohnen würde, sein ganzes Leben einzusetzen; die Folge ist, daß das Leben keinen wahren Sinn mehr hat. Dennoch ist anzuerkennen, daß die gegenwärtig vorherrschende postmoderne Kultur einen großen und wahren wissenschaftlichen sowie technologischen Fortschritt mit sich bringt, der den Menschen – und dabei vor allem die jungen Menschen – fasziniert. Die Verwendung dieses Fortschrittes hat leider nicht immer als erstes Ziel das Wohl des Einzelnen und aller Menschen. Ihm fehlt ein ganzheitlicher Humanismus, der ihm seinen wahren Sinn verleihen und sein wahres Ziel weisen könnte. Wir könnten noch von anderen Aspekten dieser Kultur sprechen: von Konsumismus, Ausschweifung, Kultur des Showbusiness und des Körpers. Man kommt nicht umhin festzustellen, daß all dies einen Laizismus hervorbringt, der die Religion nicht will, der alles daran setzt, sie zu schwächen oder wenigstens auf das Privatleben der Personen zu begrenzen.

Diese Kultur führt im Großteil der christlichen Länder und in besonderer Weise im Westen zu einer nur allzu sichtbaren Entchristlichung. Die Zahl der Priesterberufe ist zurückgegangen. So hat aufgrund des Mangels an Berufungen und bedingt durch den Einfluß des kulturellen Umfeldes, in dem die Priester leben, deren Anzahl abgenommen. Auf all dies könnte man mit Verzagtheit und Pessimismus reagieren, womit der modernen Welt scheinbar das Urteil gesprochen wäre und man sich gedrängt fühlte, sich in die Defensive, in die Schützengräben des Widerstandes zu begeben.

Jesus Christus sagt indessen: »Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten« (Joh 12,47). Wir dürfen weder mutlos werden noch vor der aktuellen Gesellschaft Angst haben oder sie einfach verurteilen. Sie muß gerettet werden! Jede Kultur des Menschen, auch die heutige, kann evangelisiert werden. In jeder Kultur sind »semina Verbi« vorhanden, die für das Evangelium offen sind. Gewiß auch in unserer heutigen Kultur. Zweifellos würden auch die sogenannten Post-Christen sich angesprochen fühlen und sich öffnen, wenn man sie zu einer wahren, persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit Jesus Christus als lebendiger Person führen würde. Bei einer derartigen Begegnung kann jeder Mensch guten Willens von Ihm ergriffen werden. Er liebt alle und klopft an die Türen aller, da er ausnahmslos alle retten will. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – für alle. Er ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Meine lieben Priester, wir Hirten sind heute mit aller Dringlichkeit zur Mission aufgerufen, sowohl »ad gentes« als auch innerhalb der Regionen der christlichen Länder, wo sich sehr viele Getaufte von der Teilnahme in unseren Gemeinden entfernt oder sogar den Glauben verloren haben. Wir dürfen weder Angst haben noch gemütlich bei uns zuhause bleiben. Der Herr hat seinen Jüngern gesagt: »Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?« (Mt 8, 26). »Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!« (Joh 14,1). »Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus« (Mt 5,15). »Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15). »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20).

Wir werden den Samen des Wortes Gottes nicht nur vom Fenster unseres Pfarrhauses aus säen, sondern wir werden ins offene Feld unserer Gesellschaft hinausziehen, angefangen bei den Armen, und so auch alle Ebenen und Institutionen der Gesellschaft erreichen. Wir werden die Familien besuchen gehen, alle Menschen, vor allem die Getauften, die nun fernstehend sind. Unser Volk will die Nähe seiner Kirche spüren. Wir werden dies tun und voll Freude und Begeisterung auf die heutige Gesellschaft zugehen, in der Gewißheit, daß der Herr uns in der Mission zur Seite steht und daß er an die Türen der Herzen derjeniger klopft, denen wir Ihn verkünden werden.

(Schreiben S.Em. Cláudio Card. Hummes an die Priester, 1. August 2009, Kleruskongregation Rom)

 

»Es ist unsere Würde, daß wir zur Herde Gottes gehören!«

Am Hochfest des heiligen Benedikt, des Schutzpatrons Europas, zelebrierte Weihbischof em. Dr. Klaus Dick von Köln, die heilige Messe in der Benedictuskapelle im Haus der Begegnung in der Grazer Johann-Fux-Gasse 16.

In einem Vortrag zum Motto des Priesterjahres „Treue in Christus – Treue des Priesters“, der an die Feier der heiligen Messe anschloss, sprach der Herr Weihbischof über dessen Bedeutung nicht nur für die Priester, sondern in besonderer Weise für alle Gläubigen. Der heilige Vater rief dieses Priesterjahr nicht nur wegen des 150. Todestages des heiligen Pfarrers von Ars aus, sondern insbesondere um die mangelnde äußere Wertschätzung des Priesters aufzuzeigen.

Zu Beginn seines Vortrags sprach Weihbischof Dick über verschiedene Aspekte der Berufung zum Priestertum. Einerseits beklagte er die geringe Zahl an Berufungen, aber erinnerte gleichzeitig auch daran, dass es genauso sinkende Kinderzahlen und einen prägnanten Mangel an religiöser Bildung gäbe. Andererseits machte er auf die fehlende positive Haltung innerhalb der Familie aufmerksam, wenn sich eine Berufung abzeichne. Viel öfter, so meinte er, rate man entweder davon ab, Priester zu werden, oder werte die Berufung ab, indem man vorschlage, es gäbe anderes oder „besseres“, dass man tun könnte.

Er rief auf, eine positive und wohlwollende Haltung einzunehmen, wenn es sich abzeichne, dass jemand berufen sei zu einem geistlichen Beruf; gerade innerhalb der Familien sei dies besonders wichtig, da sie der primäre Ort seien, wo Berufungen entstünden.

Weiters sprach der Herr Weihbischof darüber, was mit der Priesterweihe gegeben sei bzw. nicht gegeben sei. Als erstes meinte er, sei das Priestertum nie demokratisch gedacht gewesen. Der Priester sei zu einem Dienst von Gott berufen, von dem er nicht einfach abwählbar sei wie durch das Volk gewählte politische Vertreter. Man könne sich natürlich hierauf die Frage stellen, warum Jesus nicht einfach Engel mit dem Dienst des Priesters beauftragt habe, sondern mit Fehler und Schwächen behaftete Menschen. Es gehe um die Zeugenschaft: überzeugt sein von Jesus Christus, um andere zu überzeugen. Das Christentum sei, nach Meinung des Herrn Weihbischofs, keine Schriftreligion. Die heilige Schrift sei eine Sammlung von Zeugenberichten; schon zu Jesu Zeiten legten die Jünger und Apostel Zeugnis ab: es komme auf die lebendige Weitergabe in einer menschlichen Art und Weise an.

Als zweites meinte Weihbischof Dick, sei das Priestertum nicht gleichmacherisch. Bei Gott sei jeder Mensch etwas besonderes, erklärte er. Gott kann jeden Menschen in eine Besonderheit rufen; so zum Beispiel in den Weihestand. Der Herr Weihbischof griff als Vergleich das Bild der Familie auf: jedes einzelne Kind wird von seinen Eltern auf eine ganz besondere Weise geliebt.

Gott handle nicht mit Zufälligkeiten, sondern, gerade im Blick auf die Berufung, mit Tatsächlichkeiten. Berufung zum Priester sei nur dann tatsächlich gegeben, wenn ein Bischof denjenigen zum Priester weiht oder ihn ein Oberer zur Weihe freigibt. Es gäbe kein „Was wäre wenn“. Das sei die Ernsthaftigkeit Gottes, deren wir vertrauen können. Um diese Ernsthaftigkeit den Menschen erfahrbar zu machen, binde sich Gott an äußere Zeichen. Wenn er an das Bußsakrament denke, dann würden ihm immer wieder Menschen begegnen, die sich Sorgen machten, ob sie wohl genug Reue hätten oder ob ihnen Gott die Sünden verzeihen würde… Diese Sorgen seien unnötig, denn man könne das nicht mehr ungeschehen machen, was der Priester in den Worten der Lossprechung ausgesprochen habe („So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters…“).

Das Amt des Priesters, fuhr der Weihbischof in seinem Vortrag fort, sei nicht abhängig von Fähigkeit oder Heiligkeit. Er zitierte Cyprian, der gesagt haben soll: „Mag Petrus taufen, er Christus ist es, der tauft; mag Paulus taufen, er Christus ist es, der tauft; mag Judas taufen, er Christus ist es, der tauft.“ Für Christus sei der Normalfall der heilige Priester, dessen besonderes Vorbild der heilige Pfarrer von Ars war. Schon wie das II. Vatikanische Konzil betonte, sei Heiligkeit keine Bevorzugung sondern der Normalfall, und die Bemühung des Priesters muss es sein, dem gerecht zu werden. Insbesondere rief der Herr Weihbischof gerade alle Gläubigen auf, den Priestern merken zu lassen, dass sie gewollt seien. Er wies darauf hin dass so zum Beispiel auch ein hoher Anteil des Zölibats eines Priesters von der Gemeinde getragen werde. Die Gemeinde soll den Priester stärken und ihn nicht bedauern.

Noch einmal betonte Weihbischof Dick, dass Berufung wieder in der Familie spürbar werden soll; gerade Freude über eine Berufung. Klar solle man sich darüber sein, wies er hin, dass Berufung nichts Hochstilisiertes ist, sondern eine normale Erfahrung und Prüfung. Das Bewusstsein, hier kann eine Berufung sein, solle man nicht abtun oder gar krass ablehnen oder bequemeres zu wählen empfehlen.

Aller Dienst in der Kirche sei „Hirtendienst“, griff der Herr Weihbischof den Faden wieder auf. Es sei unsere Würde, dass wir zur Herde Gottes gehören. Bischöfe, Priester, Diakone etc. seien da, um uns zur Herde zu führen. Die Hirten aber, so betonte er, blieben aber dennoch Schafe, denn der wahre Gute Hirte ist Christus, unser Herr. Er erinnerte an das Bild der Familie, das er bereits verwandte: in diesem Bewusstsein sind Priester Vater und Bruder; der Priester ist der Stellvertreter des Guten Hirten, der aber auch einen Guten Hirten brauche.

(Vortrag S.Ex. Weihbischof em. Dr. Klaus Dick, 11. Juli 2009, im Haus der Begegnung)

 

Vor dem Tun kommt das Sein – zur Identität des Priesters

Am 16. März, dem Vorabend seiner Abreise nach Afrika, hielt unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI., eine Ansprache an die Vollversammlung der Mitglieder der Kleruskongregation. Diese Kongregation trifft sich einmal jährlich, um ein besonderes Thema zu behandeln. In diesem Jahr stand die Vollversammlung unter dem Titel: „Die missionarische Identität des Priesters in der Kirche". Papst Benedikt nützte diese Gelegenheit, um eine weit reichende Ankündigung zu machen: „Um das Streben der Priester nach geistlicher Vollkommenheit, von dem die Wirksamkeit ihres Dienstes entscheidend abhängt, zu unterstützen, habe ich entschieden, ein besonderes Jahr des Priesters auszurufen, das vom kommenden 19. Juni [2009] bis zum 19. Juni 2010 dauern wird. In dieses Jahr fällt nämlich der 150. Todestag des heiligen Pfarrers von Ars, Johannes Maria Vianney, ein wahres Vorbild des Hirten im Dienst der Herde Christi."

Das Jahr des Priesters steht unter dem Leitwort „Treue in Christus, Treue des Priesters" und beginnt mit einer Vesper am Herz-Jesu-Fest, den 19. Juni 2009. Ein Jahr später wird es mit einem Weltpriestertreffen in Rom enden. Während des „Priesterjahres" soll der heilige Jean-Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars, zum Patron aller Priester (weltweit gibt es rund 400.000 katholische Priester) in der Welt proklamiert werden.

Die Diözesanbischöfe, die Oberen der Ordensinstitute und besonders die Kleruskongregation beauftragte der Heilige Vater mit der Koordinierung und Förderung der verschiedenen geistlichen und pastoralen Initiativen, die nützlich sein können, „um die Bedeutung der Rolle und der Sendung des Priesters in der Kirche und in der heutigen Gesellschaft immer besser wahrnehmbar zu machen".

Leider findet diese Initiative des Hl. Vaters bisher in den Medien wenig Beachtung. Wenn man gegenüber Gläubigen das kommende „Jahr des Priesters" erwähnt, wissen sie in der Regel nichts davon.

Selbst Bischöfe und Priester nehmen diese Ankündigung des Papstes nicht gerade euphorisch hin. Eine Ausnahme bildet der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, der die Ankündigung des „Jahres des Priesters" öffentlich mit Freude und Dankbarkeit aufnahm: „Ich danke dem Heiligen Vater für diese Initiative, denn wir brauchen eine Zeit, in der wir uns ganz besonders mit dem Amt des Priesters beschäftigen.

In dem Priesterjahr, das bis 2010 dauern soll, ist es wichtig, Auftrag und Sendung des priesterlichen Dienstes zu reflektieren. Es wird vor allem darum gehen, den Priestern, die tagtäglich ihren Dienst versehen, Mut für den Alltag zu machen. Außerdem werden wir in diesem besonderen Priesterjahr all jene im Gebet begleiten, die auf den Weg zum Priesteramt sind. Es wird eine Chance sein, den Priesterberuf in all seiner Schönheit wieder neu ins Bewusstsein zu bringen und damit auch junge Menschen zu ermutigen, sich dem Anruf Gottes zu stellen, und ihre eigene Berufung zum Priester zu entdecken."

Papst Benedikt selbst gibt zum Jahr der Priester einige Ziele vor:

„Das Wissen um den radikalen Wandel der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten muss die besten kirchlichen Kräfte dazu bewegen, sich um die Ausbildung der Priesteramtskandidaten zu kümmern." Hier sind besonders die Bischöfe und die Verantwortlichen für die Priesterausbildung gefordert, das Jahr des Priesters zu nützen, um neue Maßstäbe zu setzen.
So erklärt Papst Benedikt: „Die Sendung des Priesters hat ihre Wurzeln insbesondere in einer guten Ausbildung, die vorangetragen wird in Gemeinschaft mit der ununterbrochenen kirchlichen Tradition, ohne Brüche oder Versuchungen einer Diskontinuität. In diesem Sinne ist es wichtig, bei den Priestern, besonders bei den jungen Generationen, eine korrekte Rezeption der Texte des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils zu fördern, die im Licht der gesamten Lehre der Kirche interpretiert werden müssen."

„Insbesondere muss es die Hirten anspornen, ständig für ihre ersten Mitarbeiter - die Priester - Sorge zu tragen, sowohl durch die Pflege wirklich väterlicher menschlicher Beziehungen, als auch durch die Fürsorge um ihre ständige Weiterbildung, vor allem unter lehrmäßigem und geistlichem Aspekt." Sicherlich wird das „Jahr des Priesters" eine Gelegenheit für die Bischöfe sein, ihre väterlich menschlichen Beziehungen zu ihren Priestern zu vertiefen, aber auch die Möglichkeit bieten, klar die Identität des Priesters herauszustellen und die kirchliche Disziplin (das Wort ist eng verbunden mit dem Wort „discipulus" - Jünger) - sei es im persönlichen oder öffentlichen Leben des Priesters - einzufordern. Darauf legt jedenfalls der Papst wert.

„Als dringend notwendig erweist sich auch die Wiedererlangung eines Bewusstseins, das die Priester anspornt, präsent, identifizierbar und erkennbar zu sein - sowohl im Glaubensurteil als auch in den persönlichen Tugenden als auch in der Kleidung - im kulturellen und im karitativen Bereich, die seit jeher das Herzstück der Sendung der Kirche darstellen." Der Heilige Vater ruft hier die Priester auf, ihre Identität nicht nur innerlich zu leben, sondern auch nach außen hin präsent und erkennbar zu machen, auch durch die entsprechend priesterliche Kleidung.

Etwas ganz Wesentliches sagt der Heilige Vater in Bezug auf die „Wiedererlangung" der sakramentalen Identität des Priesters und der de-facto-Aushöhlung dieser Identität durch neue Strukturen, die besonders in den deutschsprachigen Diözesen geschaffen wurden und noch werden: „In diesem Sinne ist es notwendig, darüber zu wachen, dass die ‚neuen Strukturen' oder pastoralen Einrichtungen nicht für eine Zeit gedacht sind, in der man ohne das Weiheamt ‚auskommen' muss, wobei von einem falschen Verständnis der rechten Förderung der Laien ausgegangen wird. In diesem Fall würde man nämlich die Voraussetzungen schaffen für eine noch größere Verwässerung des Amtspriestertums, und die angeblichen ‚Lösungen' würden sich in dramatischer Weise decken mit den eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Problematiken, die mit dem Amt verbunden sind."

Tatsächlich werden in vielen Diözesen unter dem Vorwand, sich für eine Zeit „ohne Priester" vorzubereiten, Laieninitiativen gestartet oder gefördert, die weder dem Wesen noch dem Recht der Kirche entsprechen. Viel wichtiger wäre es - und durch das Jahr des Priesters unterstreicht der Papst diese Tatsache - dass man sich mehr um Geistliche Berufungen bemüht, sei es durch eine aktive Berufungspastoral oder und vor allem durch das Gebet um Geistliche Berufungen.

Das Jahr der Priester wird aber auch für die Gläubigen sehr wichtig sein. Es geht um das richtige Priesterbild, um das in der Öffentlichkeit oft entstellte oder verzerrte Priesterbild. So wird der Dienst der Priester von vielen nach dem bemessen, was sie nach außen hin leisten, wie viele pfarrliche Kreise sie aufbauen, wie gut sie koordinieren und organisieren können, wie viele Mitarbeiter sie gewinnen können, wie viele Veranstaltungen ihr Terminkalender aufweist, wie viele Kirchen sie im Laufe des Priesterlebens renovieren und wie hoch die Wahlbeteiligung bei der letzten Pfarrgemeinderatswahl gewesen ist. Das alles ist gut und recht.

Schön, wenn ein Priester für das Reich Gottes, für seine Pfarrgemeinde viel in seinem Leben aufbauen kann. Das ist die eine Seite: Das Tun.

Aber es gibt auch eine andere Seite, die wichtiger ist und Voraussetzung für alle äußerliche Tätigkeit. Das Sein. Die Identität des Priesters. Es zeigt sich in der Antwort des jungen Mannes unter dem Baum, der auf die Frage „Was machst du?" antwortet: „Ich bin". So zu antworten sind auch die Priester berufen. Denn vor allem Tun kommt das Sein. Das Priester sein. Die Berufung „Männer Gottes", „Männer der Gnade" zu sein; gerufen und gesandt sein, mit Freude Priester sein. Diener Gottes, die sich wie Jeremia (vgl. Jer 1,9) nicht mit den eigenen Worten „produzieren", sondern sich die Worte des Herrn zu eigen machen. Menschen, die durch ihr Sein auf Gott hinweisen.

(Quelle: Zenit, 20.05.2009)


Das Jahr des Priesters: Brief an die Priester

Liebe Priester,
das Jahr des Priesters, das Papst Benedikt XVI. ausgerufen hat, um den 150. Todestag des heiligen Pfarrers von Ars, Johannes Maria Vianney, zu feiern, steht vor der Tür. Der Heilige Vater wird dieses Jahr am kommenden 19. Juni, dem Herz-Jesu-Fest und Weltgebetstag für die Heiligung der Priester, eröffnen. Die Ankündigung dieses besonderen Jahres hat weltweit, auch und vor allem unter den Priestern, ein positives Echo hervorgerufen. Setzen wir uns alle mit Entschlossenheit, Überzeugung und Eifer dafür ein, damit es ein Jahr werde, das überall in der Welt, in den Bistümern, den Pfarreien und den Gemeinschaften vor Ort gefeiert wird, und damit dies unter warmherziger Miteinbeziehung des Gottesvolkes geschieht, das zweifellos die eigenen Priester liebt und möchte, dass sie ihrer täglichen Arbeit im Apostolat wahrhaft glücklich, auf würdige Weise und frohgemut nachgehen.

Es soll ein Jahr voller Initiativen werden, ein positives Jahr, in dem die Kirche vor allem den Priestern, aber auch allen Christen und – mithilfe der Massenmedien – der ganzen Welt sagen möchte, dass sie auf ihre Priester stolz ist, dass sie sie liebt, hochschätzt, bewundert und mit Dankbarkeit ihrem pastoralen Wirken und ihrem Lebenszeugnis Anerkennung entgegenbringt. Priester sind nicht nur aufgrund dessen, was sie tun, wichtig, sondern auch aufgrund dessen, was sie sind. Sicher ist es wahr, dass einige Priester auch strafbare Handlungen begangen und Probleme heraufbeschworen haben. Dies muss weiterhin untersucht, entsprechend verurteilt und bestraft werden. Diese Fälle betreffen aber einen sehr geringen Prozentsatz aller Kleriker. Die übergroße Mehrheit der Priester sind achtbare Menschen, die sich der Ausübung ihres Dienstes widmen, das Gebetsleben pflegen und in pastoraler Fürsorge Werke der Nächstenliebe tun. Sie setzen ihr ganzes Leben ein, um ihrer Berufung und Sendung zu entsprechen, was oft große persönliche Opferbereitschaft verlangt. Dazu bewegt sie die authentische Liebe zu Jesus Christus, zur Kirche und zum Gottesvolk, eine Liebe, die sie dazu veranlasst, sich mit den Armen und Leidenden solidarisch zu zeigen. Deshalb ist die Kirche auf ihre Priester in aller Welt stolz.

Dieses Jahr soll uns auch Gelegenheit bieten, die Thematik der priesterlichen Identität und die Theologie des katholischen Priestertums intensiv zu vertiefen sowie ein außerordentliches Gespür für die Berufung und Sendung der Priester in Kirche und Gesellschaft zu entwickeln. Hierzu regen wir die Veranstaltung von Studientagen, Konferenzen und Theologischen Wochentagungen an unseren kirchlichen Fakultäten an. Auch geistliche Exerzitien, welche die Thematik aufgreifen, wissenschaftliche Studien, entsprechende Veröffentlichungen und nicht zuletzt Zeit zur persönlichen Besinnung und Reflexion sind gefragt.

Während der Vollversammlung der Kongregation für den Klerus hat der Heilige Vater bei seiner Ansprache vom 16. März das Priesterjahr ausgerufen und gesagt, dass es Ziel dieses besonderen Jahres ist, das „Streben der Priester nach geistlicher Vollkommenheit, von dem die Wirksamkeit ihres Dienstes entscheidend abhängt, zu unterstützen“. Deshalb muss dieses Jahr auf ganz besondere Weise ein Jahr des Gebets sein, des Gebets der Priester selbst, des Gebets mit den Priestern und für die Priester, ein Jahr der Erneuerung im Hinblick auf die Spiritualität des Priestertums und im Hinblick auf jeden einzelnen Priester selbst. In diesem Sinne bietet sich die heilige Eucharistie als Mittelpunkt priesterlicher Spiritualität dar. Die eucharistische Anbetung zur Heiligung der Priester und die geistige Mutterschaft, welche Ordensfrauen, geweihte Damen und generell Frauen gegenüber den Priestern ausüben, könnten, wie schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, weiter entwickelt werden und hierzu sicher überaus segensreich beitragen.

Es sollte auch ein Jahr sein, in dem die konkreten Lebensumstände, in denen unsere Priester sich befinden, überprüft werden. Bisweilen leben sie unter Verhältnissen bitterer Armut, sodass sich uns die Frage ihrer Versorgung mit materiellen Mitteln stellt.

Es soll auch ein Jahr religiöser und öffentlicher Feiern werden, die dem Gottesvolk und den katholischen Gemeinschaften vor Ort die Möglichkeit bieten, sich dem Gebet und der Meditation zu widmen, Feste zu feiern und ihren Priestern in rechter Weise Anerkennung entgegenzubringen. In der kirchlichen Gemeinschaft kommt dem Fest eine große Bedeutung zu, insofern als es warmherziger Ausdruck und Nährboden christlicher Freude ist, die aus der Gewissheit hervorgeht, dass Gott uns liebt und mit uns feiert. So bietet sich hiermit eine Gelegenheit, um das gemeinschaftliche Verhältnis und die Freundschaft zu fördern, die die Priester mit der ihnen anvertrauten Gemeinschaft verbinden.

Man könnte noch auf viele andere Perspektiven und Initiativen eingehen, die zum Jahr des Priesters gehören können und dieses bereichern würden. Hier ist die Kreativität der Ortskirchen gefragt. Deshalb wäre es zu begrüßen, wenn alle Bischofskonferenzen, alle Bistümer, alle Pfarreien und katholischen Gemeinden für dieses besondere Jahr ein Veranstaltungsprogramm entwerfen würden. Offensichtlich wäre es wichtig, das Jahr mit einem bedeutungsvollen Ereignis zu beginnen. Am Eröffnungstag des Jahres des Priesters, dem 19. Juni, sind die Ortskirchen eingeladen, an der unter dem Vorsitz des Heiligen Vaters in Rom stattfindenden Eröffnungsfeier „teilzunehmen“, indem sie eventuell ihrerseits diesen Anlass mit einem liturgischen und festlichen Akt begehen. Diejenigen, die die Möglichkeit haben, zur Eröffnung nach Rom zu kommen, um Ihre Teilnahme an dieser erfreulichen Initiative des Papstes zum Ausdruck zu bringen, sind natürlich herzlich dazu eingeladen. Der Herr wird alle Teilnehmer zweifellos reichlich segnen und die Jungfrau Maria, Königin des Klerus, wird für Euch alle, liebe Priester, beten.

Cláudio Card. Hummes
Alt-Erzbischof von São Paulo
Präfekt der Kongregation für den Klerus

(Quelle: Kongregation für den Klerus/Zenit, 27.05.2009)

 

 

 

 

 

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